Ein Buch schreiben, II

Wenn ein Buch daraus wird, werde ich bestimmt auch wieder daraus vorlesen. Als Rausschmeißer gibt es dann das hier zu hören:

„Wäre das hier ein Rockkonzert, könnte ich jetzt nach Hause gehen. Aber aus mir ist eben kein Rockstar geworden, sondern nur Schreiberling. Darum haben Sie meine Texte nicht mitgesungen. Und darum kommen wir jetzt gleich zu einem Programmpunkt, den kein Rockstar je absolvieren muss: Fragerunde.

Ich mag Fragerunden. Sie sind so schön vorhersehbar. Los geht es immer so: Ich sehe schon bei der letzten Zugabe, wer bei der Fragerunde als Erstes den Finger streckt. Es ist eine Frau, die sich ihre Frage schon minutenlang zurecht gelegt und im Geiste wieder und wieder umformuliert hat. Vom vielen stillen Proben ist sie aber nicht etwa souveräner geworden. Im Gegenteil. Sie rutscht schon ewig auf ihrem Stuhl herum, sie hat rote Bäckchen und zuhören kann sie schon lange nicht mehr.

Sie will immer das Gleiche. Sie will ein Kind von mir. So formuliert sie es natürlich nicht, aber es läuft darauf hinaus. Sie findet, es war ein prima Abend und sie hält den Künstler für eine ebenso kreative wie freie Seele. Das wäre sie auch gern. Ist sie aber nicht. Also muss sie sich meine Kunst einverleiben. Das geht aber nicht. Also will sie, wenigstens, ein Kind von mir.

Weil sie aber selbst einsieht, dass das nicht geht, zumindest nicht so schnell und schon gar nicht hier, in aller Öffentlichkeit, formuliert sie es anders. Sie gibt sich mit weniger zufrieden: Sie will mein Geheimnis.

Sie sagt: „Also, erst einmal vielen Dank für den inspirierenden Abend. Und dann würde mich mal interessieren, woher nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen?“

Immer ist das die erste Frage und die Antwort ist auch immer gleich: „Meine Ideen kommen mir immer in der Badewanne.“ Dann lasse ich eine kurze Pause. Soll sie mit ihrem Kinderwunsch ruhig mal in Ruhe darüber nachdenken, wie das aussieht: Ich in der Badewanne beim Empfangen von Ideen. Soll sie sich ruhig vorstellen, ob das was werden kann mit ihr selbst und dem in der Badewanne empfangenen Bestseller.

Nach Verstreichen der Pause schiebe ich hinterher, dass mir in der Badewanne so viele Ideen kommen, dass ich gar nicht weiß, wohin damit und dass sie gerne drei oder vier davon haben könne, aber das ihr das natürlich nichts bringe. Weil die Idee allein überhaupt nichts wert sei. Man müsse sie schon auch umsetzen.

Dann kommt die nächste Frage. Auch die kenne ich schon. Sie lautet: „Mich würde interessieren, wie viel von dem, was Sie schreiben, haben Sie selbst erlebt?“ „Eine interessante Frage“, beginne ich meine Antwort mit einer Lüge. Ich weiß genau, was die Frage soll. Auch die Frage stammt von einer Frau. Männer stellen nämlich keine Fragen. Auch diese Frau will eigentlich ein Kind von mir. Aber diese Frau weiß genau, dass es einen Unterschied gibt, zwischen dem Künstler und seinem Werk. Da hat er vielleicht ein ganz brauchbares Buch geschrieben, denkt sich diese Fragerin, doch wer garantiert mir, dass der Typ nicht ein totaler Reinfall ist?

Ich kann sie beruhigen: Natürlich bin ich der wahre Jakob und natürlich habe ich alles, was ich jemals geschrieben habe, selbst erlebt. Zumindest in meiner Phantasie. Sonst hätte ich ja wohl kaum darüber schreiben können.

Gibt es weitere Fragen? Die gibt es. Worüber schreiben Sie als Nächstes? Wird nicht verraten. Wie stehen Sie zu der im Buch aufgeworfenen Fragestellung xy persönlich? Dazu möchte ich nichts sagen. Können Sie uns erklären, was die Figur X dazu bewogen hat, sich gegenüber Y so zu verhalten? Äh, wollen Sie nicht vielleicht lieber ein Kind von mir?

So ist das mit mir und den Fragerunden und wenn es keine weiteren Fragen gibt, würde ich jetzt gerne nach Hause gehen.“

Wie war’s in Freiburg?

Sollen die anderen ruhig nach Riga jetten und die eine Hälfte ihres langen Wochenendes mit An- und Abreise und die andere Hälfte mit der sinnlosen Suche nach Geheimtipps verplempern: Ich bevorzuge den Campingplatz am Hirzberg. Die Anreise mit dem Fahrrad dauert nur zehn Minuten und wo die Pizza wie schmeckt, weiß ich selber.

Und überhaupt: Wer lebt, wo andere Urlaub machen, kann dort doch schließlich auch Urlaub machen?

Auf dem Zeltplatz angekommen, zunächst die Zelte der Nachbarn in Augenschein nehmen. Auch hier will man schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Sie sind vom selben Hersteller wie unseres.

Also reden:
„Wo kommt ihr denn her?“
„Aus Littenweiler.“
„Ebnet.“
„Ah, ja.“

Littenweiler und Ebnet. Das sind, der Kenner weiß es natürlich, Freiburger Stadtteile. Wir sind überhaupt nicht unkonventionell, wir sind stinknormal. Freiburger, die in Freiburg Urlaub machen, sind total gewöhnlich und wir haben nicht die kürzeste, sondern ganz im Gegenteil, die weiteste Anreise hinter uns.

So geht es mir immer wieder in dieser Stadt. Mir kommt Generation Golf von Florian Illies in den Sinn, das damit anfängt, dass der kleine Florian „Wetten, dass“ schaut und sich geborgen fühlt, weil alle „Wetten, dass“ schauen. Das Buch geht in meiner Erinnerung damit weiter, dass der große Herr Illies dieses Gefühl der Aufgehobenheit in der Gemeinschaft vermisst, weil jetzt alles so zerfasert ist.

Vielleicht sollte Illies nach Freiburg ziehen?

Egal, was ich mache, die andern machen es genau so. Vielfalt finden wir prinzipiell schon gut. Das Niveau muss halt stimmen. Und dann sieht das hier eben so aus, wie das hier eben aussieht.

Eine Regel, die übrigens auch von denjenigen Campingplatzbesuchern befolgt wird, die tatsächlich von außerhalb und mit dem Automobil anreisen:

Freiburg: Vielfalt finden wir prinzipiell schon gut. Das Niveau muss halt stimmen.

Das gleiche gilt auch für unsere Kinder. Sie sind sich zum Verwechseln ähnlich. Manchmal muss ich aufpassen, dass ich nicht das falsche Kind mitnehme und manchmal frage ich mich, ob nicht genau das längst passiert ist?

Vor allem in der kalten Jahreszeit steigen die Chancen, denn dann tragen sie alle die gleichen Gummistiefel von Aigle und die gleichen Matschhosen von Jako-o und die gleichen Rucksäcke von Deuter und über den Ohren haben sie die gleichen dicken Mützen auf, unter denen sich so schlecht hört, und wenn sich dann die in Funktionswäsche ununterscheidbar gekleideten Elternteil am Zaun samt ihren vom T80 der Fahrradmanufaktur gezogenen Anhängern der Marke Thule ihre Kindlein rufen, wer vermag dann alle Lenis, Leahs, Lenas und Linas richtig zuzuordnen?

Sie halten das für übertrieben? Die Kinder werden doch wohl noch wissen, wo sie hingehören, meinen Sie? Meinte ich auch. Bis ich das erste Mal miterlebte, wie sich im Gedränge eines Flohmarkts eines der Kinder, von denen ich sicher zu glauben dachte, es sei meins, sich mit der Bestimmtheit, die nur Vorschulkinder zustande bringen, „Mama“ sagend, an ein mir unbekanntes Frauenbein klammerte und nicht mehr loslassen wollte.

Vielleicht, so meine Schlussfolgerung, müsste ich mein Zelt gar nicht aufbauen. Vielleicht könnte ich ja einfach in eins der bereits vorhandenen Zelte ziehen? Bestimmt gäbe es am bereitgestellten Equipment nichts auszusetzen und wenn es dunkel würde, fände ich die mit ausreichend geladenen Akkus ausgestattete Stirnlampe mit Sicherheit am richtigen Ort.

Wie war’s außerhalb Freiburgs?

Wer in Freiburg wohnt und, was vorkommt, Freiburg verlässt, wird dort, wo auch immer dieses „Dort“ gelegen sein mag, recht schnell eine Feststellung machen und diese Feststellung ist immer die gleiche: Die Leute dort sehen anders aus als wir.

Es sticht, ich muss das leider in aller Offenheit aussprechen, geradezu ins Auge: Nicht-Freiburger tragen unpraktische Kleidung.

Kein erkennbares Layersystem, null Thermoregulierung, unzureichender Schutz vor der Witterung. Stattdessen: Schuhe mit Absatz und ohne Profil, Kellnersocken, Bügelfalten und so weiter.

Als Freiburger fragt man sich unweigerlich, was Nicht-Freiburger eigentlich machen, wenn es regnet. Wahrscheinlich werden sie nass.

Als Freiburger verspürt man den Drang, mehr über den Lifestyle dieser Menschen zu erfahren. Welches Equipment Nicht-Freiburger wohl dazu einsetzen, ihren Alltag zu meistern? Es wächst der Wunsch, den Inhalt ihres Gepäcks zu inventarisieren, doch es ist wohl das Beste, dieser Wunsch bleibt unerfüllt. Wahrscheinlich fände sich in den winzigen Täschchen noch nicht einmal eine Stirnlampe.

Überhaupt, was die Leute außerhalb Freiburgs offensichtlich alles nicht haben: Winters läuft dort keiner mit Langlaufskiern auf der Schulter durch die Stadt, sommers führt keiner auf dem Rücken einen Gleitschirm mit sich – und wer jetzt behauptet, sich auf den Skiern oder durch die Luft in die Stadt zu bewegen, sei doch bestimmt selbst für Freiburger Verhältnisse ein bisschen arg ungewöhnlich, dem sei entgegnet, dass es mit dem gewöhnlichsten aller Fortbewegungsmittel außerhalb Freiburgs auch nicht gerade gut aussieht.

Ich bin sicherlich nicht der übertriebenen Liebe zu meinem Fahrrad verdächtig: Das Velo nach jeder Ausfahrt mit der Zahnbürste reinigen? Nicht mit mir. Meine schönsten Touren habe ich auf ziemlichen Gurken erlebt. Ich sag‘ nur: Stahlschlampe.

Aber das, was die Leute außerhalb Freiburgs „Fahrräder“ nennen, ginge auch bei mir bestenfalls als „Göppel“ durch. Mit so was kämen die nicht nur die Borderline nicht runter, sondern wahrscheinlich noch nicht einmal den Roßkopf hoch.

Aber so ist das eben außerhalb von Freiburg. Wer nicht vom Münster aus gerechnet in zwei Minuten am Schlossberg, oder in zehn Minuten am Lorettoberg oder in fünfzehn Minuten am Schönberg ist, der kommt wohl auch nicht so oft auf die Idee, in der Mittagspause oder nach Feierabend auf dem Berg im Wald zu verschwinden und wenn’s regnet, so wird das wohl sein, ist bestimmt der nächste U-Bahn-Schacht nicht fern.

Da ist es dann trocken und warm und die Mieten sind bestimmt auch günstiger als in Freiburg, was mich daran erinnert: Wir suchen noch eine (mindestens) Vier-Zimmer-Wohnung. Natürlich in Freiburg.

Wer was weiß, gerne melden!

Die Leitmetapher im Zeitalter der Digitalisierung ist die Digitalisierung

  • Da wäre das 17. Jahrhundert, als Rationalisten wie Descartes oder Leibniz die Natur als ein seelenloses Zusammenspiel passiver Teilchen darstellten. Druck und Gegendruck, Ursache und Wirkung. Der Lauf der Welt ist determiniert, alles – inklusive der Tiere (aber exklusive der Menschheit) – folgt den Regeln der Mechanik.
  • Da wäre das 19. Jahrhundert, als Welt und Mensch mit dem Vokabular der Industrialisierung erklärt und Vorgänge in Organismen mit Vorgängen in Dampfmaschinen erklärt wurden, was unser Sprechen bis heute prägt, wenn wir unserem Körper beispielsweise Brennstoffe zuführen, die wir in Kilojoule messen.
  • Da wäre das 19. Jahrhundert, in dem das menschliche Nervensystem mit den frisch verlegten Telegrafenleitungen verglichen wird, das über verschiedene Leitungen und Stationen Nachrichten sendet oder empfängt.
    So verfügt jedes Zeitalter über seine Leitmetaphern und so muss sich jede Generation daran messen, wie treffend ihre Metaphern sind – und wie diese vielleicht nicht nur dazu dienen, die Welt zu beschreiben, sondern auch zu verändern.

So verfügt jedes Zeitalter über seine Leitmetaphern und so muss sich jede Generation daran messen, wie treffend ihre Metaphern sind – und wie diese vielleicht nicht nur dazu dienen, die Welt zu beschreiben, sondern auch zu verändern.

So ist das in unserer Gegenwart und dagegen habe ich auch gar nichts einzuwenden. Ich selbst nutze das Wochenende auch gerne dazu, „meinen Akku aufzuladen“. Und wenn „die Festplatte voll ist“, ruft mich besser niemand an.

Allerdings glaube ich auch, dass wir besser aufpassen und einen einfachen Fehler vermeiden sollten, der, so meine Befürchtung, viel dazu beiträgt, dass die Welt schlechter ist, als sie sein könnte.

Weiter geht’s bei fresh info +++: http://fresh-info.de/2017/ueber-metaphern/

Das Nashorn IV

So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man Ideen mit dem Ziel in die Welt setzt, bei seinen Mitmenschen ein Umdenken zu bewirken: Scheinbar hinterlässt meine Auseinandersetzung mit dem Thema Nashorn im unmittelbaren Umfeld bereits Spuren, wenn auch, mit Flügeln und bunter Mähne versehen, anatomisch noch nicht ganz korrekt.

Aber anatomisch korrekt war Dürers berühmtes „Rhinocerus“ ja bekanntlich auch nicht.

Das Nashorn III

Aufgrund entsprechender Rückfragen: Ihr Wohlbefinden kommt bei mir an erster Stelle. Sie können meine Zehennägel selbstverständlich auch in potenzierter Form bekommen. Das kostet dann aber. Weil: Ich bekomme den ganzen Zucker schließlich auch nicht geschenkt.

Ein Buch schreiben, I

„I asked the famously effective satiric draftsman Saul Steinberg if he was gifted.  He said he was not, but that the appeal of many graphic works of art was the evident struggle of their creators with their obvious limitations.  Put another way by me:  We like some works by some artists who couldn’t do what Michelangelo could do, but who damn well made pictures anyway. 

I asked many people more committed than I am to the making of pictures by hand when it was that their art gave them the most satisfaction.  When it was framed and exhibited?  When it was published or sold?  When it was praised by loved ones or an important critic?  When?  Three of those I asked were my own daughters Edith and Nanette, and my son Mark.  Few I asked were world renown.

All replied without hesitation that they were most at one with the universe when making a picture in perfect solitude.  All the rest was by comparison annoying balderdash.  I say that, too. And let me add that the pictures in this catalog are the works of two persons, myself and the silk-screen virtuoso Joe Petro III of Lexington, Kentucky, each of us working alone, and experiencing from time to time almost indecent ecstasy.“ (Kurt Vonnegut)

Ich mag Vonnegut, den Schriftsteller, sehr und kann auch Vonnegut, den Zeichner, gut leiden, darum werde ich mir das Zitat eines Tages als Druck kaufen und an die Wand hängen.

Aber so sehr mich das Bild vom mit sich selbst zufriedenen Vonnegut auch erwärmt: Inhaltlich zustimmen kann ich ihm leider nicht.

Für mich ist es nämlich keineswegs das Größte, einsam vor mich hinzuarbeiten. Für mich kommt das Größte erst danach. Das Größte am Schreiben ist es für mich, wenn ich einen Text von mindestens 20 Seiten Länge fertig habe und diesen Text ausdrucke.

Großartig ist dieser Moment aus verschiedenen Gründen. Sie hängen alle mit meinem Drucker zusammen:

  • Erstens braucht mein Drucker so lange, um den Raum mit diesem einzigartigen Duft zu füllen. Vielleicht kennen Sie den Duft, den ich meine? Wäre ich Parfümeur, ich würde Flakons gefüllt mit der von meinem Drucker verströmtem Luft verkaufen. „Heureka“ würde ich den Duft nennen oder „Es ist vollbracht!“ und alle (die so sind wie ich) würden es kaufen und wären endlich zufrieden.
  • Zweitens legt mein Drucker zwar Blatt auf Blatt, aber ein schöner Stapel wird daraus noch nicht. Aus 20 Blatt Papier einen schönen Stapel zu formen, das erfordert menschliches Zutun. Den Stapel erst durch mehrfaches Auf-Die-Tischplatte-Klopfen an seinem kurzen Ende bündig machen, die Prozedur dann am langen Ende wiederholen und die Bögen, wenn das sachte Klopfen nicht reicht, durch Aufwölben gefügig machen: So erfüllend, denke ich mir dann immer, muss sich echte Handarbeit anfühlen.
  • Drittens ist das Papier, wenn es frisch mit meinen Gedanken bedruckt und sauber gestapelt vor mir liegt, noch warm. Das ist der Grund, warum ich, bevor ich mich ans Ausdrucken mache, immer die Vorhänge zuziehe, denn den noch warmen Stapel Papier schiebe ich mir nun unters Hemd und das, Sie ahnen es, ist dann der Zeitpunkt, an dem ich das erlebe, was Vonnegut mit „almost indecent ectasy“ umschreibt.

Um diesen Moment erleben zu dürfen, schreibe ich und meinetwegen könnte es damit vorbei sein, beziehungsweise von vorne anfangen.

Aber man ist ja keine Insel. Man soll ja ein Publikum finden. Man ist ja gefordert, aus einem Manuskript ein Buch werden zu lassen.

Darum beginnt jetzt, wo das Manuskript fertig ist (zumindest ein erster Entwurf, der in Wirklichkeit der elfte Entwurf ist, aber der erste, für den ich mich nicht schäme), ein ganz anderer Abschnitt in meinem Schaffen. Darin dreht sich alles um eine Frage: Wird daraus ein Buch?

Das Nashorn II

Weil ich ja nun häufig zu hören bekomme, ich solle die Sorgen der einfachen Leute ernst nehmen und sie dort abholen, wo sie gerade stehen, habe ich versucht, die Situation aus Sicht eines fiebernden, vergifteten, verkrampften, an Masern erkrankten oder von Schlaganfall oder von Epilepsie betroffenen Menschen zu betrachten.

Ich verstehe dessen Lage. Wirklich. Ich möchte das auch nicht. Ich war sogar selbst schon krank. Letzten Winter zum Beispiel: Schüttelfrost. Um den wieder loszuwerden, hätte auch ich alles genommen. Voller Vertrauen, dass die, die es mir vorsetzen, schon wissen werden, was sie tun.

Studien, Packungsbeilage, alles das interessiert auch mich nicht im Geringsten. Wird schon passen, dachte ich und nahm das Zeug, weil: Schaden wird’s schon nicht.

Wenn also einer meint, mit gemahlenem Rhinozeroshorn seine Leiden kurieren zu können – wer bin ich, dem das auszureden?

Nun wohne ich aber bekanntlich nahe der Schweizer Grenze und Schweiz, das heißt Pharmaindustrie. Pharmaindustrie, das sind die, die sich an meiner statt mit Studien und Packungsbeilagen befassen und weil mir einige dieser Leute persönlich bekannt sind, bleibt es nicht aus, dass auch ich gelegentlich einen Fachbegriff aufschnappe.

Einer davon lautet Generika.

Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Generika Kopien, die genau so gut sind wie das Original, aber viel billiger. In der Pharma ist das ein Riesending. Vom Businessstandpunkt aus gesehen ist es für die einen (die das Original verkaufen wollen) schlecht und für die anderen (die die Kopie verkaufen wollen) gut.

Ich interessiere mich hier aber nicht für den Businessstandpunkt, sondern für die Heilung unserer armen Kranken und aus deren Perspektive ist es vollkommen egal, welches Präparat sie einnehmen. Sie können das eine oder das andere schlucken, die Folgen sind identisch.

Und das ist der Punkt, an dem meine Zehennägel ins Spiel kommen. Meine Zehennägel sind nämlich ein Premium-Generikum für Rhinozeroshorn. Identischer Inhalt, identische Wirkweise, aus therapeutischer Sicht ein absolut gleichwertiger Ersatz. Mit dem einen Unterschied: Meine Zehennägel sind sehr viel billiger als Rhinohorn.

Wer sie mag, bekommt sie sogar umsonst.

Also, an alle, die meinen, ihre oben genannten Krankheiten nur mit Hilfe teuren Horns kurieren zu können. Ihnen kann geholfen werden. Ich schicke Ihnen mein Präparat kostenlos und frei Haus zu.

Sie müssen das dann einfach wie gewohnt einnehmen. Meine einzige Bedingung ist es, dass Sie sich bereit erklären, zur wechselseitigen Steigerung des persönlichen Bekanntheitsgrads an einer Success Story mitzuwirken (mit namentlicher Nennung und Foto).

Um Ihre persönliche Lieferung Zehennägel zugeschickt zu bekommen, schicken Sie mir einfach Ihre Adresse.

Wichtig: Hilft nicht bei Masern. Zum Schutz vor Masern bitte impfen lassen.

 

Learn from Einstein and Synchronize the Internet

When young Albert Einstein worked at the Swiss patent office in Bern, the city featured a variety of clocks the people had every right to be proud of. These clocks performed their duty with the highest degree of accuracy – and they were synchronized. They all showed the same time without any measurable discrepancy. This was no gadgetry.

Railroads and telegraphy had just changed the face of the earth. Geographic distances were rapidly losing their relevance. Time was becoming more important. Getting things done at the anticipated time was becoming more important. The world was becoming smaller and it ticked faster. People were less tolerant towards asynchronism. Investing in infrastructure necessary to measure time was considered an important public interest – and supported accordingly.

Today, a watch synchronized with an atomic clock via satellite costs less than a full tank of gas, but asynchronism still gives us headaches. Take the stock market, for instance.

To continue reading, visit dot magazine: https://www.dotmagazine.online/issues/connecting-the-world-whats-it-worth/synchronize-the-internet

Wie war’s bei Christoph Niemann?

Vor die Wahl gestellt,  eine Ausstellung  allein oder in einer Gruppe zu besuchen, gehe ich lieber allein und das nicht, weil ich mir Exponate gerne in Ruhe betrachte, sondern weil ich sie gerne abschreite. Bin ich Teil einer Gruppe, muss ich aber immer auf die warten, die sich Exponate gerne in Ruhe betrachten.

Außerdem bin ich kein Anhänger von Menschenansammlungen. Ich gehe darum gerne mittwochs morgens im Museum, wenn alle anderen arbeiten. So gut wie nie werden Sie mir hingegen an einem Freitag Abend im Museum über den Weg laufen, schon gar nicht an einem Freitag, an dem es alle anderen zur Vernissage hinzieht.

Dass ich trotzdem bei der Eröffnung von Christoph Niemanns Ausstellung im Cartoonmuseum Basel war, deutet also darauf hin, dass es einen außergewöhnlichen Grund gegeben haben muss. Gab es auch. Einen außergewöhnlichen Künstler: Christoph Niemann.

Gehe ich zur Vernissage, so die Hoffnung, lerne ich vielleicht nicht nur etwas über die Kunst des Herrn Niemann, sondern auch über den Künstler und im nächsten Schritt, weil das ja immer der Schritt ist, den zu nehmen man hofft, wenn man etwas über jemand anders lernen will, lerne ich vielleicht sogar etwas über mich selbst.

Diese Hoffnung, so viel vorab, wurde enttäuscht. Wobei. Gelernt habe ich schon was über den Künstler und somit auch über mich. Aber von wegen, das Genie färbt ab, war für mich in Basel nichts zu holen. Stattdessen ein banaler bis übellauniger Blick aufs Selbst.

Angefangen hat es damit, dass es voll war. Oben, wo die schlauen Leute und später der Künstler selbst sprechen sollten, war kein Platz mehr. Was auch immer der Abend an Erkenntnissen bringen sollte, es musste also ohne Blickkontakt geschehen.

Selbst im Erdgeschoss war eine, wie der Basler sagt, Druggede.

Oben begannen die Vorträge, unten ging es nicht vor und nicht zurück. Ich steckte mitten in der Ausstellung fest, nichts zu sehen vom Künstler und nichts zu sehen von der Kunst. Dafür lauter Menschen um mich herum, die jedoch, womöglich weil eben doch etwas von der Leichtigkeit der Exponate auf uns Besucher abfärbte, womöglich aber auch, weil das z’Basel an mym Rhy nun mal so ist, überhaupt nicht störten. Womöglich lauerten sie aber auch nur alle ebenso wie ich, bereit sie klarzumachen, auf die Ankunft der Muse, und schauten deshalb so freundlich.

Oder aber es lag ganz einfach daran, dass mich die Druggede just in dem Moment am Apéro vorbeischob, als der eröffnet wurde?

Im am Apéro Vorbeigeschobenwerden zugegriffen habend wurde ich mit dem ergatterten Glas in der Hand aus der Ausstellung hinaus und ins St. Alban gespült und zu welchen geistigen Höhenflügen schwang ich Vernissagenmensch mich, inspiriert von Niemanns Kunst/Niemann, das Weißweinglas im laut Wikipedia „vornehmsten“ Stadtteil Basels vornehm in den gespreizten Fingern haltend, auf?

Ich will es Ihnen sagen: Ich verknüpfte die in einem der vielen klugen, sympathischen und überaus leichtfüßigen Niemann-Interviews aufgeschnappte Information, er fürchte sich davor, irgendwann keine Ideen mehr zu haben, mit der im Erdgeschoss aus dem Lautsprecher live vom Künstler erhaltenen Information, kaum etwas finde er schlimmer, als ungebeten Ratschläge zu erhalten, was sich denn mal wirklich zu illustrieren lohne, und entwickelte daraus einen Plan, wie man die Kunst Niemanns für immer zum Erliegen bringen könne, nämlich, indem man ihm unaufgefordert eine Liste aller möglichen Bildideen vorlege und ihm somit nichts zu schaffen übrig ließe.

Jämmerlich, ich weiß.

Dann machte ich mich daran, diese Liste selbst zu erstellen, aber mir fiel nicht eine einzige Idee ein und das war es dann auch schon, was die Ausstellung für meine eigene Kreativität in petto hielt.

Copyright: Christoph Niemann „Creative Process“ 2013

Als ich mein Glas leer hatte, ging ich wieder rein und schritt die Ausstellung ab schlenderte durch die Ausstellung. Die Bilder, aber das wussten wir ja alle schon, sind toll. Wer mag, kann noch bis Oktober selber hin. Ich empfehle das. Wahrscheinlich werde ich selbst auch noch mal hin. An einem Mittwoch Morgen oder so.