Wie war’s außerhalb Freiburgs?

Wer in Freiburg wohnt und, was vorkommt, Freiburg verlässt, wird dort, wo auch immer dieses „Dort“ gelegen sein mag, recht schnell eine Feststellung machen und diese Feststellung ist immer die gleiche: Die Leute dort sehen anders aus als wir.

Es sticht, ich muss das leider in aller Offenheit aussprechen, geradezu ins Auge: Nicht-Freiburger tragen unpraktische Kleidung.

Kein erkennbares Layersystem, null Thermoregulierung, unzureichender Schutz vor der Witterung. Stattdessen: Schuhe mit Absatz und ohne Profil, Kellnersocken, Bügelfalten und so weiter.

Als Freiburger fragt man sich unweigerlich, was Nicht-Freiburger eigentlich machen, wenn es regnet. Wahrscheinlich werden sie nass.

Als Freiburger verspürt man den Drang, mehr über den Lifestyle dieser Menschen zu erfahren. Welches Equipment Nicht-Freiburger wohl dazu einsetzen, ihren Alltag zu meistern? Es wächst der Wunsch, den Inhalt ihres Gepäcks zu inventarisieren, doch es ist wohl das Beste, dieser Wunsch bleibt unerfüllt. Wahrscheinlich fände sich in den winzigen Täschchen noch nicht einmal eine Stirnlampe.

Überhaupt, was die Leute außerhalb Freiburgs offensichtlich alles nicht haben: Winters läuft dort keiner mit Langlaufskiern auf der Schulter durch die Stadt, sommers führt keiner auf dem Rücken einen Gleitschirm mit sich – und wer jetzt behauptet, sich auf den Skiern oder durch die Luft in die Stadt zu bewegen, sei doch bestimmt selbst für Freiburger Verhältnisse ein bisschen arg ungewöhnlich, dem sei entgegnet, dass es mit dem gewöhnlichsten aller Fortbewegungsmittel außerhalb Freiburgs auch nicht gerade gut aussieht.

Ich bin sicherlich nicht der übertriebenen Liebe zu meinem Fahrrad verdächtig: Das Velo nach jeder Ausfahrt mit der Zahnbürste reinigen? Nicht mit mir. Meine schönsten Touren habe ich auf ziemlichen Gurken erlebt. Ich sag‘ nur: Stahlschlampe.

Aber das, was die Leute außerhalb Freiburgs „Fahrräder“ nennen, ginge auch bei mir bestenfalls als „Göppel“ durch. Mit so was kämen die nicht nur die Borderline nicht runter, sondern wahrscheinlich noch nicht einmal den Roßkopf hoch.

Aber so ist das eben außerhalb von Freiburg. Wer nicht vom Münster aus gerechnet in zwei Minuten am Schlossberg, oder in zehn Minuten am Lorettoberg oder in fünfzehn Minuten am Schönberg ist, der kommt wohl auch nicht so oft auf die Idee, in der Mittagspause oder nach Feierabend auf dem Berg im Wald zu verschwinden und wenn’s regnet, so wird das wohl sein, ist bestimmt der nächste U-Bahn-Schacht nicht fern.

Da ist es dann trocken und warm und die Mieten sind bestimmt auch günstiger als in Freiburg, was mich daran erinnert: Wir suchen noch eine (mindestens) Vier-Zimmer-Wohnung. Natürlich in Freiburg.

Wer was weiß, gerne melden!

Die Leitmetapher im Zeitalter der Digitalisierung ist die Digitalisierung

  • Da wäre das 17. Jahrhundert, als Rationalisten wie Descartes oder Leibniz die Natur als ein seelenloses Zusammenspiel passiver Teilchen darstellten. Druck und Gegendruck, Ursache und Wirkung. Der Lauf der Welt ist determiniert, alles – inklusive der Tiere (aber exklusive der Menschheit) – folgt den Regeln der Mechanik.
  • Da wäre das 19. Jahrhundert, als Welt und Mensch mit dem Vokabular der Industrialisierung erklärt und Vorgänge in Organismen mit Vorgängen in Dampfmaschinen erklärt wurden, was unser Sprechen bis heute prägt, wenn wir unserem Körper beispielsweise Brennstoffe zuführen, die wir in Kilojoule messen.
  • Da wäre das 19. Jahrhundert, in dem das menschliche Nervensystem mit den frisch verlegten Telegrafenleitungen verglichen wird, das über verschiedene Leitungen und Stationen Nachrichten sendet oder empfängt.
    So verfügt jedes Zeitalter über seine Leitmetaphern und so muss sich jede Generation daran messen, wie treffend ihre Metaphern sind – und wie diese vielleicht nicht nur dazu dienen, die Welt zu beschreiben, sondern auch zu verändern.

So verfügt jedes Zeitalter über seine Leitmetaphern und so muss sich jede Generation daran messen, wie treffend ihre Metaphern sind – und wie diese vielleicht nicht nur dazu dienen, die Welt zu beschreiben, sondern auch zu verändern.

So ist das in unserer Gegenwart und dagegen habe ich auch gar nichts einzuwenden. Ich selbst nutze das Wochenende auch gerne dazu, „meinen Akku aufzuladen“. Und wenn „die Festplatte voll ist“, ruft mich besser niemand an.

Allerdings glaube ich auch, dass wir besser aufpassen und einen einfachen Fehler vermeiden sollten, der, so meine Befürchtung, viel dazu beiträgt, dass die Welt schlechter ist, als sie sein könnte.

Weiter geht’s bei fresh info +++: http://fresh-info.de/2017/ueber-metaphern/

Das Nashorn IV

So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man Ideen mit dem Ziel in die Welt setzt, bei seinen Mitmenschen ein Umdenken zu bewirken: Scheinbar hinterlässt meine Auseinandersetzung mit dem Thema Nashorn im unmittelbaren Umfeld bereits Spuren, wenn auch, mit Flügeln und bunter Mähne versehen, anatomisch noch nicht ganz korrekt.

Aber anatomisch korrekt war Dürers berühmtes „Rhinocerus“ ja bekanntlich auch nicht.

Das Nashorn III

Aufgrund entsprechender Rückfragen: Ihr Wohlbefinden kommt bei mir an erster Stelle. Sie können meine Zehennägel selbstverständlich auch in potenzierter Form bekommen. Das kostet dann aber. Weil: Ich bekomme den ganzen Zucker schließlich auch nicht geschenkt.

Ein Buch schreiben, I

„I asked the famously effective satiric draftsman Saul Steinberg if he was gifted.  He said he was not, but that the appeal of many graphic works of art was the evident struggle of their creators with their obvious limitations.  Put another way by me:  We like some works by some artists who couldn’t do what Michelangelo could do, but who damn well made pictures anyway. 

I asked many people more committed than I am to the making of pictures by hand when it was that their art gave them the most satisfaction.  When it was framed and exhibited?  When it was published or sold?  When it was praised by loved ones or an important critic?  When?  Three of those I asked were my own daughters Edith and Nanette, and my son Mark.  Few I asked were world renown.

All replied without hesitation that they were most at one with the universe when making a picture in perfect solitude.  All the rest was by comparison annoying balderdash.  I say that, too. And let me add that the pictures in this catalog are the works of two persons, myself and the silk-screen virtuoso Joe Petro III of Lexington, Kentucky, each of us working alone, and experiencing from time to time almost indecent ecstasy.“ (Kurt Vonnegut)

Ich mag Vonnegut, den Schriftsteller, sehr und kann auch Vonnegut, den Zeichner, gut leiden, darum werde ich mir das Zitat eines Tages als Druck kaufen und an die Wand hängen.

Aber so sehr mich das Bild vom mit sich selbst zufriedenen Vonnegut auch erwärmt: Inhaltlich zustimmen kann ich ihm leider nicht.

Für mich ist es nämlich keineswegs das Größte, einsam vor mich hinzuarbeiten. Für mich kommt das Größte erst danach. Das Größte am Schreiben ist es für mich, wenn ich einen Text von mindestens 20 Seiten Länge fertig habe und diesen Text ausdrucke.

Großartig ist dieser Moment aus verschiedenen Gründen. Sie hängen alle mit meinem Drucker zusammen:

  • Erstens braucht mein Drucker so lange, um den Raum mit diesem einzigartigen Duft zu füllen. Vielleicht kennen Sie den Duft, den ich meine? Wäre ich Parfümeur, ich würde Flakons gefüllt mit der von meinem Drucker verströmtem Luft verkaufen. „Heureka“ würde ich den Duft nennen oder „Es ist vollbracht!“ und alle (die so sind wie ich) würden es kaufen und wären endlich zufrieden.
  • Zweitens legt mein Drucker zwar Blatt auf Blatt, aber ein schöner Stapel wird daraus noch nicht. Aus 20 Blatt Papier einen schönen Stapel zu formen, das erfordert menschliches Zutun. Den Stapel erst durch mehrfaches Auf-Die-Tischplatte-Klopfen an seinem kurzen Ende bündig machen, die Prozedur dann am langen Ende wiederholen und die Bögen, wenn das sachte Klopfen nicht reicht, durch Aufwölben gefügig machen: So erfüllend, denke ich mir dann immer, muss sich echte Handarbeit anfühlen.
  • Drittens ist das Papier, wenn es frisch mit meinen Gedanken bedruckt und sauber gestapelt vor mir liegt, noch warm. Das ist der Grund, warum ich, bevor ich mich ans Ausdrucken mache, immer die Vorhänge zuziehe, denn den noch warmen Stapel Papier schiebe ich mir nun unters Hemd und das, Sie ahnen es, ist dann der Zeitpunkt, an dem ich das erlebe, was Vonnegut mit „almost indecent ectasy“ umschreibt.

Um diesen Moment erleben zu dürfen, schreibe ich und meinetwegen könnte es damit vorbei sein, beziehungsweise von vorne anfangen.

Aber man ist ja keine Insel. Man soll ja ein Publikum finden. Man ist ja gefordert, aus einem Manuskript ein Buch werden zu lassen.

Darum beginnt jetzt, wo das Manuskript fertig ist (zumindest ein erster Entwurf, der in Wirklichkeit der elfte Entwurf ist, aber der erste, für den ich mich nicht schäme), ein ganz anderer Abschnitt in meinem Schaffen. Darin dreht sich alles um eine Frage: Wird daraus ein Buch?

Das Nashorn II

Weil ich ja nun häufig zu hören bekomme, ich solle die Sorgen der einfachen Leute ernst nehmen und sie dort abholen, wo sie gerade stehen, habe ich versucht, die Situation aus Sicht eines fiebernden, vergifteten, verkrampften, an Masern erkrankten oder von Schlaganfall oder von Epilepsie betroffenen Menschen zu betrachten.

Ich verstehe dessen Lage. Wirklich. Ich möchte das auch nicht. Ich war sogar selbst schon krank. Letzten Winter zum Beispiel: Schüttelfrost. Um den wieder loszuwerden, hätte auch ich alles genommen. Voller Vertrauen, dass die, die es mir vorsetzen, schon wissen werden, was sie tun.

Studien, Packungsbeilage, alles das interessiert auch mich nicht im Geringsten. Wird schon passen, dachte ich und nahm das Zeug, weil: Schaden wird’s schon nicht.

Wenn also einer meint, mit gemahlenem Rhinozeroshorn seine Leiden kurieren zu können – wer bin ich, dem das auszureden?

Nun wohne ich aber bekanntlich nahe der Schweizer Grenze und Schweiz, das heißt Pharmaindustrie. Pharmaindustrie, das sind die, die sich an meiner statt mit Studien und Packungsbeilagen befassen und weil mir einige dieser Leute persönlich bekannt sind, bleibt es nicht aus, dass auch ich gelegentlich einen Fachbegriff aufschnappe.

Einer davon lautet Generika.

Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Generika Kopien, die genau so gut sind wie das Original, aber viel billiger. In der Pharma ist das ein Riesending. Vom Businessstandpunkt aus gesehen ist es für die einen (die das Original verkaufen wollen) schlecht und für die anderen (die die Kopie verkaufen wollen) gut.

Ich interessiere mich hier aber nicht für den Businessstandpunkt, sondern für die Heilung unserer armen Kranken und aus deren Perspektive ist es vollkommen egal, welches Präparat sie einnehmen. Sie können das eine oder das andere schlucken, die Folgen sind identisch.

Und das ist der Punkt, an dem meine Zehennägel ins Spiel kommen. Meine Zehennägel sind nämlich ein Premium-Generikum für Rhinozeroshorn. Identischer Inhalt, identische Wirkweise, aus therapeutischer Sicht ein absolut gleichwertiger Ersatz. Mit dem einen Unterschied: Meine Zehennägel sind sehr viel billiger als Rhinohorn.

Wer sie mag, bekommt sie sogar umsonst.

Also, an alle, die meinen, ihre oben genannten Krankheiten nur mit Hilfe teuren Horns kurieren zu können. Ihnen kann geholfen werden. Ich schicke Ihnen mein Präparat kostenlos und frei Haus zu.

Sie müssen das dann einfach wie gewohnt einnehmen. Meine einzige Bedingung ist es, dass Sie sich bereit erklären, zur wechselseitigen Steigerung des persönlichen Bekanntheitsgrads an einer Success Story mitzuwirken (mit namentlicher Nennung und Foto).

Um Ihre persönliche Lieferung Zehennägel zugeschickt zu bekommen, schicken Sie mir einfach Ihre Adresse.

Wichtig: Hilft nicht bei Masern. Zum Schutz vor Masern bitte impfen lassen.

 

Learn from Einstein and Synchronize the Internet

When young Albert Einstein worked at the Swiss patent office in Bern, the city featured a variety of clocks the people had every right to be proud of. These clocks performed their duty with the highest degree of accuracy – and they were synchronized. They all showed the same time without any measurable discrepancy. This was no gadgetry.

Railroads and telegraphy had just changed the face of the earth. Geographic distances were rapidly losing their relevance. Time was becoming more important. Getting things done at the anticipated time was becoming more important. The world was becoming smaller and it ticked faster. People were less tolerant towards asynchronism. Investing in infrastructure necessary to measure time was considered an important public interest – and supported accordingly.

Today, a watch synchronized with an atomic clock via satellite costs less than a full tank of gas, but asynchronism still gives us headaches. Take the stock market, for instance.

To continue reading, visit dot magazine: https://www.dotmagazine.online/issues/connecting-the-world-whats-it-worth/synchronize-the-internet

Wie war’s bei Christoph Niemann?

Vor die Wahl gestellt,  eine Ausstellung  allein oder in einer Gruppe zu besuchen, gehe ich lieber allein und das nicht, weil ich mir Exponate gerne in Ruhe betrachte, sondern weil ich sie gerne abschreite. Bin ich Teil einer Gruppe, muss ich aber immer auf die warten, die sich Exponate gerne in Ruhe betrachten.

Außerdem bin ich kein Anhänger von Menschenansammlungen. Ich gehe darum gerne mittwochs morgens im Museum, wenn alle anderen arbeiten. So gut wie nie werden Sie mir hingegen an einem Freitag Abend im Museum über den Weg laufen, schon gar nicht an einem Freitag, an dem es alle anderen zur Vernissage hinzieht.

Dass ich trotzdem bei der Eröffnung von Christoph Niemanns Ausstellung im Cartoonmuseum Basel war, deutet also darauf hin, dass es einen außergewöhnlichen Grund gegeben haben muss. Gab es auch. Einen außergewöhnlichen Künstler: Christoph Niemann.

Gehe ich zur Vernissage, so die Hoffnung, lerne ich vielleicht nicht nur etwas über die Kunst des Herrn Niemann, sondern auch über den Künstler und im nächsten Schritt, weil das ja immer der Schritt ist, den zu nehmen man hofft, wenn man etwas über jemand anders lernen will, lerne ich vielleicht sogar etwas über mich selbst.

Diese Hoffnung, so viel vorab, wurde enttäuscht. Wobei. Gelernt habe ich schon was über den Künstler und somit auch über mich. Aber von wegen, das Genie färbt ab, war für mich in Basel nichts zu holen. Stattdessen ein banaler bis übellauniger Blick aufs Selbst.

Angefangen hat es damit, dass es voll war. Oben, wo die schlauen Leute und später der Künstler selbst sprechen sollten, war kein Platz mehr. Was auch immer der Abend an Erkenntnissen bringen sollte, es musste also ohne Blickkontakt geschehen.

Selbst im Erdgeschoss war eine, wie der Basler sagt, Druggede.

Oben begannen die Vorträge, unten ging es nicht vor und nicht zurück. Ich steckte mitten in der Ausstellung fest, nichts zu sehen vom Künstler und nichts zu sehen von der Kunst. Dafür lauter Menschen um mich herum, die jedoch, womöglich weil eben doch etwas von der Leichtigkeit der Exponate auf uns Besucher abfärbte, womöglich aber auch, weil das z’Basel an mym Rhy nun mal so ist, überhaupt nicht störten. Womöglich lauerten sie aber auch nur alle ebenso wie ich, bereit sie klarzumachen, auf die Ankunft der Muse, und schauten deshalb so freundlich.

Oder aber es lag ganz einfach daran, dass mich die Druggede just in dem Moment am Apéro vorbeischob, als der eröffnet wurde?

Im am Apéro Vorbeigeschobenwerden zugegriffen habend wurde ich mit dem ergatterten Glas in der Hand aus der Ausstellung hinaus und ins St. Alban gespült und zu welchen geistigen Höhenflügen schwang ich Vernissagenmensch mich, inspiriert von Niemanns Kunst/Niemann, das Weißweinglas im laut Wikipedia „vornehmsten“ Stadtteil Basels vornehm in den gespreizten Fingern haltend, auf?

Ich will es Ihnen sagen: Ich verknüpfte die in einem der vielen klugen, sympathischen und überaus leichtfüßigen Niemann-Interviews aufgeschnappte Information, er fürchte sich davor, irgendwann keine Ideen mehr zu haben, mit der im Erdgeschoss aus dem Lautsprecher live vom Künstler erhaltenen Information, kaum etwas finde er schlimmer, als ungebeten Ratschläge zu erhalten, was sich denn mal wirklich zu illustrieren lohne, und entwickelte daraus einen Plan, wie man die Kunst Niemanns für immer zum Erliegen bringen könne, nämlich, indem man ihm unaufgefordert eine Liste aller möglichen Bildideen vorlege und ihm somit nichts zu schaffen übrig ließe.

Jämmerlich, ich weiß.

Dann machte ich mich daran, diese Liste selbst zu erstellen, aber mir fiel nicht eine einzige Idee ein und das war es dann auch schon, was die Ausstellung für meine eigene Kreativität in petto hielt.

Copyright: Christoph Niemann „Creative Process“ 2013

Als ich mein Glas leer hatte, ging ich wieder rein und schritt die Ausstellung ab schlenderte durch die Ausstellung. Die Bilder, aber das wussten wir ja alle schon, sind toll. Wer mag, kann noch bis Oktober selber hin. Ich empfehle das. Wahrscheinlich werde ich selbst auch noch mal hin. An einem Mittwoch Morgen oder so.

Das Nashorn I

Ich bekenne mich dazu: Ich bin auch einer von denen, für die immer alles im Original sein muss. Ob Bücher oder Fernsehen, von Übersetzungen halte ich nichts und das obwohl ich Übersetzer bin. Ich bin sogar offizieller Übersetzer, so offiziell, dass ich einen Titel trage, den ich mir nicht einmal selbst merken kann („öffentlich bestellter und beeidigter Urkundenübersetzer für die englische Sprache in Baden-Württemberg“).

Ich war nicht immer so ein Snob. In den Neunzigern zum Beispiel war mir das noch egal. Da las ich die Bücher so, wie sie mir in die Finger fielen. Auf die Idee, mir umständlich ein Original zu bestellen und dann Tage später in dem selben Laden abzuholen, in dem ich die deutsche Ausgabe bereits in der Hand hielt, wäre ich nie gekommen. So war das in der kleinen Stadt ohne Internet und darum habe ich ausgerechnet von Douglas Adams nie irgendetwas im Original gelesen.

Ich schreibe „ausgerechnet“, weil meine Verehrung für Adams so weit ging, dass ich sofort an „Die Letzten ihrer Art“ denke, als ich im Basler Naturkundemuseum das Nashorn entdecke.

Fun Fact über mich: Wenn ich in einer Ausstellung vor einem Bild stehen bleibe, geht mein Blick zuerst immer nach rechts unten. Dahin, wo ich lesen kann, was es hier zu betrachten gibt. Das gilt nicht nur für Bilder, sondern auch für Nashörner, also schaue ich, vor dem Nashorn stehend, nach rechts unten und lese: „Breitmaulnashorn.“

Das ist der Moment, in dem ich über das, was ich eben aufgeschrieben habe, erstmalig nachdenke: Dass ich Adams nie im Original gelesen habe.

Bewusst wird mir das deshalb, weil ich an eine ganz spezielle Stelle in „Die Letzten ihrer Art“ denke: Darin, so meine Erinnerung, erklärt Adams, dass das so genannte Weiße Nashorn gar nicht weiß sei, sondern grau. Dass es trotzdem Weißes Nashorn genannt wird, liege daran, dass die, die es so nannten, die, die es bereits kannten, zwar gefragt hätten, wie die das Tier denn nannten, aber die Antwort falsch verstanden hätten. Anstatt „wide“, also „weit“, hätten sie verstanden „white“, also „weiß“.

So meine ich  mir das in den Neunzigern gemerkt zu haben und 2017 stehe ich im Museum und lese nicht „Weißes Nashorn“, sondern „Breitmaulnashorn“.

Wie kann das sein? Schnell heim und das Buch raussuchen. Tatsächlich steht da auf Seite 119:

„Was viele Leute, die nichts über weiße Nashörner wissen, an ihnen am interessantesten finden, ist ihre Farbe. Weiß ist es nicht. Nicht einmal annähernd. Es ist eher ein hübsches Dunkelgrau. Nicht mal irgendein helles Grau, das man gerade noch als nicht ganz lupenreines Weiß durchgehen lassen könnte, sondern ein schlichtes Dunkelgrau. Aus diesem Grund nehmen manche Leute an, die Zoologen seien entweder pervers oder farbenblind, aber das stimmt nicht; sie sind nur ungebildet. `Weiß` ist eine falsche Übersetzung des aus dem Afrikaans stammenden Begriffs `weit`, der `breit` bedeutet und sich auf das Maul des Nashorns bezieht, das breiter ist als das des schwarzen Nashorns.“

Finden Sie das interessant? Ich schon. Zumal ich ja nun, anders als damals, als das Buch herauskam, das gesamte Wissen der Welt per Mausklick abrufen kann. Ich surfe also über den Suchbegriff „Weißes Nashorn“ zur Wikipedia und lande auf der Seite „Breitmaulnashorn“, wo ich lese, „die teilweise gebrauchte Bezeichnung Weißes Nashorn“ leite „sich vom englischen Trivialnamen White rhinoceros ab.“

Aha.

Schnell will ich weiter zur englischsprachigen Wikipedia-Seite über Nashörner, was mich dank der links platzierten Rubrik „In anderen Sprachen“ nur einen Mausklick kosten würde, aber was steht dort in der Liste angebotener fremdsprachiger Artikel ganz oben? Afrikaans. Natürlich schlucke ich den Köder und was heißt wohl „Breitmaulnashorn“ auf Afrikaans?

Witrenoster.

Das finde ich nun merkwürdig, denn „witre“ mit „weiß“ oder „white“ zu übersetzen, finde ich überhaupt nicht naheliegend. Allerdings weiß ich natürlich auch nicht, wie „Witrenoster“ gesprochen wird. Andererseits: So anders als Deutsch scheint Afrikaans nun auch nicht zu klingen und so arg knifflig zu lernen, wird es auch nicht sein. Nicht für mich!

Denn nachdem ich mit dem Wikipedia-Artikel durch bin, könnte ich bereits eine Unterhaltung auf Afrikaans beginnen und zwar mit dem Satz: „Die witrenoster is een van die twee renosterspesies wat in Afrika voorkom.“ Sollte ich mal einen Afrikaanssprecher treffen, werde ich den Satz ausprobieren und für den Fall, dass es mir damit nicht gelingt, eine Plauderei in Schwung zu setzen, kann ich sogar noch nachlegen: „Die ander een is die swartrenoster.“

Kinder I

Wer ein Kind bekommt, muss sich einen Namen überlegen. Das kann ganz schön dauern. Manche werdenden Eltern schöpfen die vollen neun Monate aus und sind sich dann immer noch nicht sicher. Manche suchen in ihrer Ratlosigkeit einen passenden Namen im Internet.

Für solche Fälle hier ein paar Tipps.

Zunächst einmal empfehle ich Ihnen, vor der endgültigen Entscheidung die Buchhandlung Ihres Vertrauens aufzusuchen und dort die ganzen Bücher mit den 100 besten Vornamen, den Tipps zur perfekten Schwangerschaft und Einrichtung des Kinderzimmers links liegen zu lassen. Denken Sie stattdessen etwa drei bis fünf Jahre voraus. Gehen Sie in die Abteilung für Kinderbücher und schauen Sie, was dort gerade an Schnelldrehern ausliegt.

Es lohnt sich. Glauben Sie mir. Ich habe einen zweiten Vornamen. Der lautet Benjamin. Ich weiß also, wovon ich spreche.

Wahrscheinlich denken Sie im Moment noch nicht so weit, aber irgendwann wird Ihr Kind im Kindergarten ankommen und dann haben Sie keinen Einfluss mehr darauf, mit welchen Geschichten Ihr Kind in Kontakt kommt und wie deren Protagonisten heißen. Manche kennen Sie wahrscheinlich schon, so besagten Benjamin. Andere werden Sie neu entdecken.

Spielen Sie beispielsweise mit dem Gedanken, Ihr Kind Lieselotte zu nennen? Dann sollten Sie wissen, das der Name im Kosmos der Kleinkinder bereits belegt ist und zwar von einer Kuh. Ähnlich verhält es sich mit Kasimir. Kasimir ist ein Biber und wenn Sie Ihr Kind so nennen, wird es wahrscheinlich öfter gefragt werden, wo es seinen Freund gelassen hat: Frippe.

Von der Prinzessin Lillifee haben Sie wahrscheinlich schon gehört, aber wussten Sie, dass die ein Einhorn hat, das auf den Namen Rosalie hört? Der zugehörige Hase heißt Henry, Oskar heißt der Marienkäfer und das Schwein Pupsi.

Jule ist zwar ein schönes Mädchen und gern in die Schule geht sie auch, aber sie wäscht sich nie.

Julia hingegen ist zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels unverfänglich und bietet zudem den Vorteil, dass Sie Ihr Kind, wenn es doch ein Junge wird, auch einfach Julius nennen können. Ähnlich verhält es sich mit Alia und Ali, doch bei Lina und Linus wäre ich schon wieder vorsichtig, denn laut Tatortreiniger heißt Linus „Jammerlappen“.

Ich denke, Sie wissen, worauf ich hinauswill: Wählen Sie den Namen Ihres Kindes mit Bedacht.

Wobei: Ist Ihr Kind erst einmal auf der Welt, kommt eh alles anders. Wenn Sie es beispielsweise Jonathan nennen und der Name beim Eintritt in den Kindergarten bereits von einem anderen Kind getragen wird, kann es gut sein, dass Ihr Jonathan der Entscheidbarkeit wegen von allen einfach „der kleine Jonathan“ genannt wird.

Oder es geht Ihrem Kind wie berühmten grünen Politiker und es findet sich umgeben von Mitmenschen, die auf die Idee kommen, den von Ihnen sorgfältig ausgewählten Namen erst mit Hilfe des Englischen zu verballhornen und dann ins eigene Idiom rückzuübersetzen, wodurch aus Ihrem Cem eine „Marmelade“, beziehungsweise Schwäbisch, ein „Gsälz“ wird.

Das ist dann eben so. Übertreiben Sie es also nicht und spielen Sie, wenn Sie überhaupt nicht weiter wissen, einfach eine Party Scrabble. Oder kriegen Sie zwei Töchter und nennen die Anna & Elsa.