Wie war’s bei Peter Härtling?

Peter Härtling kenne ich schon ewig. „Theo haut ab“, meinetwegen sogar, wenn auch nur heimlich, „Ben liebt Anna“ und natürlich und vor allem „Alter John“. Es war also keine Frage, dass wir in s’Lädeli gehen, wenn der Härtling kommt und liest. Passiert schließlich nicht alle Tage, dass sich so ein großer Mann in unsere kleine Stadt verirrt und dann noch ausgerechnet in unsere Straße.

s’Lädeli schreibt man übrigens tatsächlich so. In der Schule behaupte ich immer, das sei eine ganz normale Buchhandlung und eigentlich ist es das ja auch. Je nachdem, wer gerade da ist, dauert es vielleicht ein bisschen länger als beim Maurath oder beim Poltier, bis die das mit den Bonus-Zetteln verstanden haben, aber die Bücher kommen immer pünktlich zum Schulbeginn und wenn der Oli nur einen Hunderter hat, muss er eben schauen, wo er den vorher wechseln kann.

Man muss solche Läden unterstützen. Das gehört sich so. Darum werden wir, wenn es noch hat, auch wieder eines dieser Brote kaufen, die so hart sind und die so lange halten. Schmeckt mir zwar nicht, aber wenn meine Familie das unterstützen mag, unterstütze ich das natürlich mit. Ich muss es ja nicht essen. Ich nenne das Brot: Dieter-Furz-Brot. Dieter, weil der Chef vom Lädeli Dieter heißt, wobei ich mir eigentlich gar nicht sicher bin, dass es so was im Lädeli gibt: einen Chef.

Was es im Lädeli allerdings ganz bestimmt gibt, ist die „Unendliche Geschichte“ als Minibuch, mit Minibuchstaben, die teilweise auch verschmiert sind, sodass man die Schrift eigentlich kaum lesen kann, aber dafür kostet das Buch dort auch nur fünf Mark. Es handelt sich dabei um eine Raubkopie und, wie ich finde, muss man auch Raubkopien unterstützen. Es gibt hier auch Asterix-Hefte, die es nirgendwo sonst gibt. In denen kämpfen Asterix und Obelix nicht gegen Römer, sondern gegen Atomkraftwerke.

Was es hier auch gibt, sind Menschen, die Birkenstock tragen, was ich mir, außerhalb meiner Familie, eigentlich gar nicht vorstellen kann. Ich falle hier also nicht auf, was aber auch daran liegt, dass außer meiner Mutter und mir, der Fotografin von der Badischen und natürlich dem Dieter komischerweise überhaupt niemand gekommen ist.

Abgesehen natürlich vom Härtling.

Der Härtling begrüßt alle persönlich und erzählt noch ein bisschen von sich, bevor er endlich mit Vorlesen anfängt. Er liest aus seinem neuesten Buch: „Alter John“. Obwohl ich das Buch schon mehrfach gelesen habe, lerne ich gleich am Anfang etwas dazu. Das Buch heißt gar nicht so, wie ich immer gedacht habe. Der Härtling spricht John nämlich nicht wie Dschonn, sondern wie Jahn mit O: Joohn.

Obwohl ich das Buch schon mehrfach gelesen habe, höre ich sehr gerne zu. Der Härtling kann so toll vorlesen. Wenn ich selber lese, klingt die Sprache, der der Alte John spricht, wie ausgedacht, aber hier klingt das auf einmal richtig und lebendig. Toll.

Viel zu früh ist es vorbei, aber darüber bin ich nur kurz traurig, denn jetzt kommt das Beste. Jetzt darf ich dem Härtling meinen Alten John geben und er wird etwas für mich reinschreiben. Eine Widmung.

Dass ich morgen Geburtstag habe, sage ich ihm und dass ich elf werde. Dann werde ich bestimmt wieder gefragt, was ich mal werden will, wenn ich groß bin und ich werde, wie immer, sagen, dass ich das noch nicht weiß. Dabei weiß ich es natürlich ganz genau. Dem Härtling würde ich es vielleicht verraten, aber der fragt mich nicht, was ich eigentlich auch viel besser finde. Er schreibt einfach nur in mein Buch, gibt es mir zurück und ist dabei, wie überhaupt den ganzen Abend über, sehr freundlich. So freundlich, dass ich mich bestimmt noch in vielen, vielen Jahren daran erinnern werde.

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