Mit dem Fahrrad über die Alpen (Teil 6)

Im letzten Post habe ich gelogen. Ich habe behauptet, mehr Privileg als in Freiburg zwischen zwei Bergen zu wohnen, geht nicht. Geht aber doch. Besser als jeden Tag zwischen Rosskopf und Kybfelsen wählen zu können, ist es, zusätzlich zwischen zwei Mountainbikes wählen zu können, von denen das eine nagelneu ist.

Ich kaufe mir nicht oft ein neues Fahrrad. Das letzte Mal war vor zehn Jahren. Ein Hardtail von Cube, erstanden für 800 Euronen, war das die beste Investition, die ich je getätigt habe. Mehr Fun pro ausgegebenem Euro geht nicht. Ich bin mit dem Rad, sehr, sehr glücklich und fahre damit nicht nur jeden Berg, den ich by fair means, also von der Haustür weg und aus eigener Kraft, erreichen kann hoch und wieder runter, sondern ziehe auch die Kinder im Hänger durch ganz Freiburg. Manchmal mache ich auch beides, also die Kinder auf Berge ziehen.

Zehn Jahre. Das ist länger, als Hans im Glück seinem Herrn dienen musste, um sich seinen Goldklumpen zu sichern. Wieviele Handys ich in der Zeitspanne, in der mich dieses eine Fahrrad treu getragen hat, verbraucht haben mag, weiß ich nicht. Rechner? Müsste ich nachzählen. Wenn ich überlege, welche meiner Besitztümer länger in meinen Diensten steht als mein Fahrrad, fallen mir nur solche Sachen ein wie Kochtöpfe. Und immer noch schnurrt mein Rad zufrieden wie ein sattes Kätzchen.

So ein Fahrradleben mag lang sein, die Produktzyklen in der Branche sind es nicht. Die meisten davon waren mir egal. Ob die Räder um ein paar Zoll wachsen müssen und dann doch wieder ein bisschen schrumpfen, aber nicht so sehr, dass wir wieder bei der Größe ankommen, die früher alle hatten, war mir in etwa so wichtig wie die Frage, welche Ventile die Luft drin halten. Es war mir, Hauptsache ich stehe nicht irgendwann mit einer nutzlosen Pumpe oder der falschen Schlauchgröße im Wald. Den Sinn einer remote steuerbaren Variosattelstütze verstand ich zwar, aber so eilig hatte ich es noch auf keinem Berg gehabt, dass ich, oben angekommen, nicht zwei Sekunden erübrigen konnte, um meinen Popo vom Sattel zu nehmen und letzteren von Hand runterzuschieben. E-Bikes nannte ich beharrlich und zugegeben mit offen zur Schau gestellter Arroganz Mofas und wenn mich Freunde fragten, ob ich mal ihr Fahrrad fahren wolle, nur damit ich mal wisse, wie das sei, lehnte ich dankend ab. Manchmal insistierten sie. Ich sagte dann, ich würde ja auch keine fremden Frauen küssen. So ernst war mir das mit mir und meinem Fahrrad.

Und jetzt habe ich es doch getan. Ich habe mir ein neues Fahrrad zugelegt. Ein Trek Fuel Ex 8. Bevor ich davon erzähle, wie ich das finde, will ich kurz davon erzählen, wie und wo ich mir das Ding gegönnt habe. Falls Sie eh schon Ihren lokalen Fahrradhändler unterstützen, können Sie die folgenden Absätze gern überspringen. Das können Sie übrigens auch, falls Sie eh skrupellos beim Versender bestellen. Sollten Sie jedoch selbst einmal ein neues Fahrrad kaufen wollen und noch zwischen stationärem Handel und Internet schwanken, könnten Sie meine Erwägungen vielleicht interessieren und das ganz unabhängig von meinem persönlichen Ergebnis (ich war beim Händler um die Ecke).

Zunächst einmal, mein Kauf war nicht spontan. Ich möchte sogar behaupten, er war das absolute Gegenteil. Ich kann das sogar belegen. Noch bevor ich überhaupt damit angefangen habe, mich nach passenden Modellen und Angeboten umzusehen, habe ich mindestens tausend Mal daran gedacht, mir jetzt doch langsam mal ein neues Fahrrad zulegen zu wollen und das mit den tausend Mal ist nicht einfach so daher gesagt, sondern ein reichlich educated guess. Mindestens tausend Mal musste ich nämlich in den vergangenen Monaten mein silbern-rotes Illy-Classico-Ganze-Bohnen-Kaffedöschen aufschrauben und Kleingeld reinschmeißen, um das nötige Kapital zu akkumulieren. Andere lagern ihre Euro oder Zwei-Euro-Stücke in der Hosentasche, meine wanderten in die Kaffeedose, Stück für Stück, was dazu führte, dass ich mir wirklich, wirklich Zeit genommen habe, meinen Wunsch nach einem neuen Fahrrad zu prüfen. Außerdem bin ich währenddessen zum Synästheten geworden. Für mich riechen Fahrräder jetzt nach Frühstück.

Drei Dosen waren mein Ziel und erst als die voll waren, fing ich an, auf den Trails genauer hinzuschauen. Was fuhren die anderen? Ich begann, im Internet zu recherchieren und ich stieß erstmalig auf die Frage: Fachhandel oder Versender? Bei den Versendern gibt es zwei große Namen, Canyon und Radon und wer wissen will, was die Bikes des einen von denen des anderen unterscheidet und worin sich diese wiederum von den Marken unterscheiden, die es im Laden gibt, landet bei Tabellen. In diesen Tabellen geben die Hersteller an, welche Komponenten sie an ihren jeweiligen Modellen verbaut haben.

Das macht die Sache sehr transparent, denn die einzelnen Bikes können so sehr einfach verglichen werden. Die Hersteller setzen nämlich allesamt auf Komponenten, die sie bei anderen Herstellern einkaufen und diese Komponenten behalten den Namen, den sie von ihren Herstellern bekommen haben. Sie sind sogar klar und deutlich lesbar aufgedruckt. Man kennt das vom Auto, da kann ja auch jeder Passant jederzeit nachschauen, ob das Auto auf Reifen von Dunlop oder von Goodyear fährt oder mit Vredestein. Bloß dass sich beim Auto niemand dafür interessiert, aus welchem Hause die Bremse kommt. Oder die Federung. Oder die Schaltgruppe, wobei gerne darauf hingewiesen wird, dass bei dieser unbedingt auf die Einzelteile Kassette, Kette, Umwerfer, Kurbel, Schalthebel und Schaltwerk zu achten ist.

Beim Fahrradkauf jedoch sind genau diese Fragen von höchster Relevanz und da das in der Branche so schön transparent gehalten wird, muss, wer wissen will, was ein Fahrrad taugt, lediglich in Erfahrung bringen, wie ein Hersteller, seine unterschiedlich hochwertigen Federgabeln, Scheibenbremsen oder Sattelstützen nennt und, natürlich, wie das die Mitbewerber handhaben und wie die verschiedenen Komponenten von Hersteller A im Vergleich zu denen der Hersteller B, C und D abschneiden. Mir ist kein anderer Markt bekannt, auf dem so deutlich wäre, bei welchem Fahrrad ich den besten Deal für mein Geld bekomme. Wer will, kann sogar die Preise für die einzelnen Komponenten selbst nachschlagen und so Teil für Teil nachvollziehen, was ein Fahrrad wert ist.

Mountainbiken: ein Hobby, das seinen Anhänger auch für die Zeit nach der Ausfahrt jede Menge Beschäftigung verspricht!

Zurück zur Frage Versender oder Händler: Beim Versender, so das nicht zu leugnende Ergebnis der Komponentenvergleichsrechnung, gibt es das gleiche Bike wie im Laden bloß für sehr viel weniger Geld.

(Exkurs: Wenn Sie sich fragen, ob es denn überhaupt nicht darauf ankommt, an welchen Rahmen die Komponenten geschraubt sind: Das tut es nicht. Die Rahmen kommen eh alle aus den gleichen Fabriken – Asien, Sweatshop, Umweltsauerei vor allem bei Carbon – und wenn jemand das Gegenteil behauptet und sagt, bei Rahmen gebe es sehr wohl Unterschiede und zwar beträchtliche, dann lassen Sie sich doch dieser Person erklären, was diese Testzeitschriften eigentlich meinen, wenn sie von einer „modernen Sitzposition“ sprechen oder von einem „gefräßigen Rumpf“. Ich kann das nämlich nicht.)

Ich hätte also bei Canyon eingeben können, wie groß ich bin, wie lang meine Arme und wie lang mein Schritt und das Neuron 7.0 bestellen können, mit dem schon mein Mitcrosser Pronto glücklich ist. Der Preis hätte genau gepasst. Stattdessen habe ich aber erst einmal in den Läden hier in Freiburg nachgefragt, was denn bei denen im Rahmen meines Budgets vorrätig war. Wobei ich darauf hinwies, dass ich mich auch mit einem Vorjahresmodell begnügen würde.

In die Auswahl kamen drei Räder. Das Stumpjumper von Specialized, das Fuel Ex 8 von Trek und eins von Willier, einem Hersteller, von dem ich noch nie gehört hatte. Von allen drei Rädern konnte ich online nachschauen, wie sie ausgestattet waren (und die Listen einem Kumpel mit genug Ahnung schicken, um schnell zu- oder abraten zu können). Auch ob sie mir passen würden, konnte ich dank Größenkalkulator bequem daheim prüfen. Vielleicht ist das in anderen Städten anders, aber hier in Freiburg waren alle drei Läden unkompliziert erreichbar. Ich konnte einfach mal vorbeischauen, mich auf meine drei Räder draufsetzen und feststellen, dass das Willier, das mir laut Internet exakt passen müsste, für meine Größe tatsächlich viel zu klein war. Keine Ahnung, was die bei Canyon in Koblenz oder meinetwegen auch bei Amazon in Sachen VR oder AR in der Pipeline haben, aber im Jahr 2020 wäre die Erkenntnis, dass mir das Willier viel zu klein war, im Internet nicht innerhalb von fünfzehn Sekunden zu haben gewesen. Das also schon mal ein klarer Punkt pro lokaler Handel.

Blieben das Stumpjumper und das Trek vom Händler als Konkurrenz zum Versender-Canyon. Von der Ausstattung alle vergleichbar, lag das Stumpjumper um eine Dose über meinem Budget. Zu teuer eigentlich, aber wenn der Laden eh um die Ecke liegt und das Fahrrad fertig aufgebaut herumsteht…  Das Trek passte im Laden gut, also ließ ich meinen Geldbeutel da und rollte vor die Tür. Zweiter Punkt pro lokaler Handel: Aufs Rad nicht nur aufsteigen, sondern tatsächlich darauf fahren.

Wobei dieser Punkt in der Theorie sehr viel besser klingt als in der Praxis. Denn bis zu unseren Trails waren es zwar vom Laden aus nur ein paar hundert Meter, aber dass ich das Rad nicht hinaus in die freie Wildbahn führen durfte, war klar. Es sollte auch nach meiner Testrunde noch neu sein. Also schnell raus und schnell wieder rein. Zurück im Laden fragte der sehr freundliche und bestimmt überaus gelehrte Verkäufer, wie mir das Bike gefalle?

Ich muss dazu sagen, ich bin einer der Menschen, die sich in Läden nicht besonders wohl fühlen. Einen neuen Anzug zu kaufen, finde ich ganz schwierig. Im Fahrradladen musste ich zwar vor keinem Spiegel posieren und es wurde auch nicht an mir herumgezupft. Aber wie sollte ich auf diese Frage kompetent antworten?

Ob ich es da draußen mit einem gefräßigen Hinterbau zu tun gehabt hatte, vermochte ich beim besten Willen nicht zu sagen und obwohl ich sogar extra am Biosk – dem Wasserloch, an dem viele Freiburger Mountainbiker nach dem Downhill ihre Bikes und ihre Schlammspritzer zur Schau stellen – vorbeidefiliert war und nachgeschaut hatte, wie sich andere Gespanne hielten, war auch Frage offen geblieben, ob ich selbst dabei eine moderne Sitzposition innehatte. Ehrlich gesagt war mir da draußen nur ein Gedanke durch den Kopf gegangen. Dass ich mich fühlte, als führe ich auf einem Kamel.

Nach der Probefahrt auf dem Stumpy ging ich per Pedes zum Biosk, holte mir einen Kaffee und sucht mir zwischen all den Aficionados mit ihren Hochleistungsmaschinen ein ruhiges Plätzchen zum Nachdenken. Ich resümierte. Erstens, ein Fahrrad zu kaufen, ist schwieriger als gedacht. Zweitens, das mit den Spezifikationen war mir zu kompliziert, da verließ ich mich besser ganz auf den Rat meines Kumpels. Drittens, ob das Gesamte aller Teile das für mich bestmögliche Gesamte aller Teile wäre, war vor dem Kauf unmöglich herauszufinden. Ich konnte nicht alle in Frage kommenden Modelle unter identischen Bedingungen so lange testen, bis ich genügend Erfahrung gesammelt hatte.

Es lief alles darauf hinaus, den Prozess zu vereinfachen. Ein akzeptables Angebot aufstöbern, das mit der Größe durch Probesitzen möglichst gut abschätzen und zuschlagen. Vielleicht würde ich das nächste Jahrzehnt nicht auf dem allerbesten aller für mich denkbaren Räder verbringen. Aber immerhin hätte ich eins – und zwar sicher kein schlechtes.

Ich sah mich um. Auf den Grünflächen rund um den Biosk abgelegt und an die Hecken zur Straße hin angelehnt parkten etliche Canyons, vielleicht prozentual sogar mehr als von jedem anderen Hersteller. Mit dem wäre ich auf der sicheren Seite. Wenn ich heute bestellte, käme es in ein paar Tagen bei mir daheim an. Pedale und Lenker festschrauben, sollte selbst mir gelingen und mein Grübeln hatte ein Ende. Mein Hobby war nicht übers Fahrradfahren grübeln, sondern Fahrradfahren. Die erstklassigen Trails rund um Freiburg nutzen. Die Borderline. Den Canadian. Den Badisch Moon Rising. Allesamt von Freiburger Bikern für Freiburger Biker angelegt – und nicht nur für die.

Als wir im Zuge einer sehr radikalen Besinnung auf lokale Urlaubsangebote unser Zelt auf dem Campingplatz Hirzberg aufgeschlagen hatten, parkte zwei Plätze weiter ein schicker VW-Bus mit Schweizer Kennzeichen. Der gehörte einem Pärchen, das einmal im Jahr extra zum Biken nach Freiburg fuhr und das obwohl sie selbst in den Alpen wohnten. Warum? Weil die Trails hier so geil sind. An die erinnerte ich mich jetzt. Und daran, dass sie selbstverständlich Mitglieder unseres Freiburger Vereins waren. Um ihn zu unterstützen. Weil sie dankbar waren, dass es ihn gab. Weil es die Trails, auf denen ich so gerne fahre, ohne unsere Community aus Bikern schlicht nicht gäbe.

Mit diesem Gedanken im Kopf ging in den letzten der drei Läden auf meiner Liste und dann ging auf einmal alles ganz schnell. Aus drei Kaffeedosen wurde ein neues Velo – und aus einem jahrelangen Hardtailfahrer wurde ein moderner, gefräßiger Kamelreiter.

Einmal über die Alpen fahren mit dem Fahrrad (Teil 5)

Von den fünf Freunden, die in diesem Spätsommer gemeinsam über die Alpen wollen, wohnt einer, Pronto, in unserer Zielregion, der Lombardei. Einer ist Cholo, der nicht mehr, wie noch zu Zeiten unseres Triathlons in den Anden wohnt und auch nicht mehr in Südostasien, sondern im Senegal. Weil Senegal den Luftraum gesperrt hat, bleibt er auch erstmal dort. Herr Schmidt, der ja auch immer viel unterwegs ist, hat es gerade noch so aus Kolumbien rausgeschafft und sitzt jetzt in seiner Wohnung in Heidelberg. Der vierte ist als Arzt im Krankenhaus gerade eh ganz gut eingespannt. Der fünfte bin ich.

Ich lebe in Freiburg, was das Mountainbiken angeht, eh schon eine reichlich privilegierte Stadt, in bester Lage. Wenn Freiburg das Tor zum Schwarzwald ist, wohne ich genau zwischen den Pfosten. Weil das Tor ein recht enges ist, brauche ich mit dem Fahrrad zum nördlichen Pfosten eine Minute und zum südlichen zwei. Auf beiden Seiten geht es direkt los, in den kleinen Gang schalten, zwei Mal links und zwei Mal rechts und schon bin ich mitten drin und ganz allein in unserem engmaschigen Trailnetz.

Mehr Privileg geht nicht in Zeiten von Corona, Social Distancing und mehr oder weniger freiwilliger Selbstquarantäne. Zumindest solange – wonach es im Moment aussieht, wird Fahrradfahren doch sogar ausdrücklich empfohlen – der Wald offen bleibt. Ich weiß das zu schätzen, versuche auch demütig zu bleiben und so weiter, aber ein kleines Grinsen darob, welch unverschämtes Glück ich in diesen schwierigen Zeiten habe, erlaube ich mir trotzdem.

Die ganze Welt ist ein Problem, außer man selbst

Es gibt Probleme, die mag ich. So sehr, dass ich eine ganze Halle davon haben möchte. So sehr, dass ich Geld für diese Probleme bezahle. Ich habe sogar ein Abo auf diese Art Problem und nehme so oft ich kann meine Töchter mit, auf dass sie sich an meiner Begeisterung für diese Art Problem anstecken, was schon allein deshalb überhaupt kein, äh, keine Herausforderung darstellt, weil diese Art Problem so schön bunt ist.

„Ich hab ein tolles neues Problem gefunden!“, ruft eines von uns begeistert und dann schauen die anderen mit offenem Mund dabei zu, wie das mit dem Problem versucht, es zu lösen und wie es wahrscheinlich daran scheitert, ein Scheitern, das mit einem satten Plumps des Popos auf den Boden seinen kichernden Abschluss findet und dann ist auch schon das nächste Problem dran.

Bouldern, das Klettern ohne Seil in Absprunghöhe: Eh ein toller Sport, mit Kindern doppelt und dreifach zu empfehlen. Das liegt nicht nur daran, dass beim Bouldern Eltern und Kinder, indem die einen die Gelben und die Grünen klettern und die anderen die Blauen oder die Orangenen (oder die Weißen, die Roten, die Schwarzen oder die Pinken, aber die kann ich nicht (oder wie die Kinder sagen „Die kannst du noch nicht“)).

Das liegt auch daran, dass beim Bouldern der ganze Mensch gefordert wird. Anfänger versuchen ihre Probleme mit Kraft zu lösen, heißt es, Fortgeschrittene mit Technik und Profis mit Köpfchen, aber das glaube ich nicht. Ich glaube, egal, auf welchem Niveau eins bouldert: Es braucht immer Kraft und Technik und Köpfchen.

Vor allem aber liebe ich das Bouldern, weil die Probleme hier so viel Spaß machen. Vielleicht kennen Sie das: Sie wachen nachts auf, weil ein Kind sich geräuspert hat oder weil Sie aufs Klo müssen, Sie erledigen, was Sie zu erledigen haben und dann? Liegen Sie da, hellwach, obwohl Sie doch dringend schlafen müssten. Was tun Sie jetzt? Grübeln und an Ihre Probleme denken?

Nun. Denken Sie doch beim nächsten Mal nicht an Ihr Problem mit der Steuererklärung, sondern an das mit den bunten Griffen. Warum? Weil es mehr Spaß macht. Und weil Ihr Gehirn beim Bouldern ein Kunststück vollbringt, das bei Ihrer Steuererklärung leider, leider nicht klappen wird: daran denken hilft.

Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, heißt ist, sieht irgendwann in jedem Problem einen Nagel und auch das glaube ich nicht. Ich glaube stattdessen, was meine Tochter letztens auf dem Heimweg nach einem Besuch in der Halle sagte. Wir fuhren gerade die Urachstraße hoch, kamen an diesem Steinklotz vorbei, der dort mit einer Gedenkplakette versehen auf der Wiese steht, ein ziemlich großer Steinklotz, einer mit vielen Kanten und Scharten und Verwinkelungen.

„Denkst du, was ich denke?“, wollte ich von ihr wissen. Sie nickte, dachte noch einen Moment darüber nach und schob dann einen Satz hinterher. Sie sagte: „Eigentlich ist die ganze Welt ein Problem. Außer man selbst.“

Genau der gleiche Satz war mir, nachts in meinem Bett vor mich hinstarrend, schon öfters selbst durch den Kopf gegangen. Wer kennt den Gedanken nicht: Die ganze Welt ein einziges Problem, außer man selbst. Ich hatte ihn sicher schon oft in meinem Leben gedacht, aber dass man ihn mit echter Begeisterung aussprechen kann und mit echter Vorfreude darauf, jedes einzelne Problem dieser Welt zu lösen? Das war mir neu.

Herr Neugebauer

Ich kenne Herrn Neugebauer nicht persönlich, aber ich weiß jetzt, wo er arbeitet und wo er gerne arbeiten würde und das, obwohl Herr Neugebauer nicht einmal selbst mit mir im Zug sitzt, sondern nur der Typ, der ihn angerufen hat.

Und ich weiß etwas über ihn, das er noch nicht mal selbst weiß. Das mit dem neuen Job wird leider nichts.

(Kurzes) Feedback zu Bachmann

Ich wurde um Hilfe gebeten in einer literarischen Angelegenheit. Es geht um den Bachmannwettbewerb, um den Gewinnertext. Der, der mich um Hilfe bittet, hat ein Verständnisproblem. Ihm fehlt der „rote Faden“. Er hat „Mühe, den Text zu verstehen“. Er würde sich „über ein (kurzes) Feedback freuen“.

Ob ich helfen kann? Und ob!

Ich habe da nämlich mal einen Kurs besucht. Wer’s mag, der mühsam zu verstehende Text ohne roten Faden, der hier beanstandet wird, heißt „Der Schrank“ und wurde von Brigit Birnbacher verfasst und in Klagenfurt vorgetragen. Kann man bequem per Mausklick herunterladen und überall auf der Welt lesen (auch mobil). Für das Verständnis des vorliegenden Hilfstexts ist die Lektüre der Primärquelle jedoch nicht erforderlich. Die sieben Punkte, die jetzt gleich kommen, gelten für alle Texte dieser Art. Und da, wo sie doch nicht gelten, ist es auch egal.

Startklar? Also, los geht’s!

Ich würde den Text, um mit Edgar Allen Poe zu sprechen, als Kurzgeschichte bezeichnen, also als Text, der „in one sitting“ gelesen werden kann, was ich für mich mit „auf dem Klo“ zu übersetzen pflege.

Ich habe den Text geprüft: Es geht um einen Schrank.

Ach, bevor wir zum Schrank kommen, noch ein paar Worte zu meiner Qualifikation. Ich bin kein Literaturkritiker, ich will auch gar keiner sein. Die sieben Punkte, die nun gleich folgen, habe ich folglich auch nicht in einem Kurs für angehende Literaturkritiker entnommen, sondern in einem für Leute gelernt, die am Telefon mit aufgebrachten Kunden zu tun haben. „Erfolgreich telefonieren“ oder „Beschwerdemanagement leicht gemacht“, irgendwie so wird der Kurs wohl genannt worden sein, wie genau, ist egal, es kommt schließlich auf den Inhalt an und der passt immer, egal, ob ich es nun mit einem fragwürdigen Angebot im Zusammenhang mit Telemediendiensten zu tun habe, mit einer nicht die Erwartung erfüllt habenden Zustellung oder, wie im vorliegenden Fall, mit Literatur ohne roten Faden.

Die sieben Schritte, so die Seminarleiterin, funktionieren bei jeder Reklamation.

Der erste Schritt: Bedanken.

Also, lieber Leser, lieber Kunde, vielen Dank, dass du den Schrank nicht einfach zurück und ihm womöglich eine schlechte Bewertung gibst! Vielen Dank, dass du dich an mich wendest und mir die Gelegenheit gibst, mit dir zusammen eine konstruktive Lösung zu finden! (Dass ich „den Schrank“ nicht geschrieben habe, ja bis gerade eben nicht einmal gelesen hatte, darf hier keine Rolle spielen. Auf keinen Fall soll derjenige, der die Beschwerde annimmt, demjenigen, der sie abgibt, damit kommen, er sei nicht zuständig; natürlich bin ich zuständig; ich bin immer zuständig. Sobald das Telefon klingelt oder das Chat-Fenster aufgeht, ist es MEIN Text“).

Der zweite Schritt: Verständnis zeigen.

Lieber Kunde, I feel you! Ein roter Faden ist wichtig! Verständnis ist wichtig! Gerade in der heutigen Zeit! Mühe hingegen, ganz besonders die Sorte Mühe, die nicht zum Erfolg, also zum Verständnis führt, nervt… Ich kann ein Lied davon singen! Wer kann das nicht! Wäre mir so ein Text untergekommen, ich hätte mich auch gefragt, was ich damit soll! Umso mehr, Danke, dass du dich an mich wendest und mir die Chance gibst, den Text zu erklären!

Der dritte Schritt: Hilfe in Aussicht stellen.

So ärgerlich dein Anliegen ist, so gewöhnlich ist es auch! Wir haben hier ständig mit Texten zu tun, die wir nicht verstehen! Wir haben schon vielen Leuten wie dir dabei geholfen, die ihnen vorliegenden Texte doch noch zu verstehen! Ich habe das gelernt! Du bist bei der richtigen Adresse gelandet! Ich bin mir ziemlich sicher, am Ende wirst auch du mit deinem Text zufrieden sein und ich hoffe sehr, dass du rückblickend sagen wirst: Die Auseinandersetzung mit diesem Text hat sich doch jetzt mal richtig gelohnt!!!

Der vierte Schritt: Einverständnis abholen für die nächsten Schritte.

Bevor ich hier die ganze Aufmerksamkeit für mich beanspruche: Bist du mit dem Verlauf unseres Dialogs zufrieden? Gefällt dir die Aussicht, dass Hilfe für dein Verständnis mit dem Text in Aussicht steht? Bist du bereit, diesen Weg zusammen mit mir zu gehen? Ist es okay für dich, wenn wir jetzt zusammen über den Text vom Schrank sprechen und ich versuche, dir zu erklären, worum es geht? Super! Danke! Kann man gar nicht oft genug sagen!

Der fünfte Schritt: Die Lösung unterbreiten.

Im Prinzip ist es ganz einfach! In der, salopp gesagt, Klogeschichte „Der Schrank“ geht es um einen Schrank! Dieser Schrank steht auf einmal unvermittelt in einem Mietshaus im gemeinschaftlich genutzten Flur! Gekoppelt ist dieses Ereignis an die Ankunft eines außenstehenden Beobachters, dessen Auftrag es ist, die bestehenden Verhältnisse im Mietshaus, insbesondere die prekär Beschäftigter zu erkunden! Die Ich-Erzählerin, beflügelt von diesen beiden Ereignissen sowie dem eigenen 35-jährigen Geburtstag, versucht sich ihrerseits an einer Beobachtung der Verhältnisse, wobei weniger das eigene Schicksal im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr das eines namenlosen Paketboten, der dem Anschein nach vor einiger Zeit nahe ihrer Wohnung unvermittelt gestorben ist! Beflügelt ist vielleicht nicht das richtige Wort! Eigentlich ist sie eher ein bisschen in sich zurückgezogen! Achtung, ab hier bewegen wir uns schon im Bereich der Interpretation! Also eigentlich der Spekulation! Ob das für dich wichtig ist oder eher nice to have darfst du selber entscheiden! Du darfst dir auch eine eigene Interpretation zurechtlegen, so ein Stück Literatur unterliegt schließlich keinerlei EULA oder AGB oder sonstigen Beschränkungen! Der Schrank ist veröffentlicht! Er ist öffentlich! Er gehört jetzt dir! Hier ist, was ich aus der Geschichte ziehe: Mit dem Boten und dem Schrank bietet die Erzählerin zwei mögliche Auswege aus den bestehenden Verhältnissen, man könnte, A, daran zu Grunde gehen oder, B, sich in den aus einer untergegangenen Epoche, die in der gegenwärtigen Szenerie als fremd und befremdend wahrgenommen wird stammenden Schrank zurückziehen, sich also der Partizipation an den neuen Verhältnissen verweigern! Weiterführende Stichworte: Eskapismus, Historizismus, Gesang! Wie sich die Erzählerin entscheiden wird, ob sie sich überhaupt entscheidet, bleibt offen! Das ist oft so bei dieser Art Text!

Der sechste Schritt: Nachfragen, ob die Lösung so akzeptabel ist.

Lieber Kunde, passt das so für dich? Ich hoffe sehr, denn mehr kann ich im Moment leider nicht für dich tun! Wenn du tiefer in die Materie einsteigen willst, gibt es aber noch zwei Dinge, die du selbst unternehmen kannst! Du kannst, erstens, deine eigene Lebenssituation mit der der Ich-Erzählerin abgleichen und dich, zweitens, fragen, ob du dich darin wiedererkennst! Ja? Und du hast trotzdem immer noch Mühe mit dem Verständnis der Geschichte? Dann steckst du vielleicht selbst zu tief in den negativen Auswirkungen von New Work, um dich als in einem Schrank singende oder tot auf dem Abstandsgrün liegende Leiche zu sehen! In dem Fall bitte an der Selbsterkenntnis arbeiten! Nein? Dann bist du vielleicht, ohne es zu wissen, Teil des Problems! Kein Vorwurf1 Für’s Erste bist du dann wohl noch fein raus! Hoffentlich reicht’s bis zur Rente!

Der siebte Schritt: Verabschieden und um weiterhin gute Zusammenarbeit bitten:

Ich hoffe sehr, ich konnte dir mit deinem Text „Der Schrank“ von Birgit Birnbacher weiterhelfen! Viel Spaß noch damit! Wer weiß, vielleicht nimmst du ihn ja hin und wieder noch einmal in die Hand und findest ein bisschen Erhellung im sicherlich manchmal auch etwas dunklen Alltag! Wenn dir der Text gefallen hat, hoffe ich, dass du bald noch mehr Texte liest! Jeden Tag erscheinen viele neue Texte, nicht nur für’s Klo, auch für den Strand, für den Urlaub und auch zum Verschenken! Ich hoffe auch, dass ich dir heute ganz persönlich weiterhelfen konnte! Wenn ja, freue ich mich über eine positive Bewertung! Ich wünsche dir noch einen ganz tollen Tag!

Einmal über die Alpen fahren mit dem Fahrrad (Teil 4)

„Papa!“
Es ist Samstag Morgen, man könnte ausschlafen, aber man hat ja Kinder.
„Papa!“

Ich drücke die Augen zusammen, ganz fest. Mit einem Ruck entfernt meine Tochter die störende Decke und trägt ihr Anliegen vor.

„Papa! Papa! Da ist jemand.“
Ich seufze.
„Komm kuscheln.“
„Aber da ist jemand.“
„Komm zu mir ins Bett. Hier ist niemand außer uns.“
„Aber da ist wirklich jemand. Im Klo. Eine Frau.“
„So, so.“
„Papa, du musst jetzt aber wirklich kommen.“

Unsere Kinder sind jetzt sieben und fünf. Gemeinsam mit meiner Frau verfüge ich damit über die erstaunliche Menge von 24 Mannjahren Erziehungsarbeit. Nicht genug, um eine Ahnung davon zu haben, wie das eigentlich richtig geht, aber immerhin genug, um eins zu wissen: Wann es Zeit ist aufzugeben. Samstag früh ist so eine Zeit. Wenn sie wach sind, sind sie wach und wenn sie wach sind, hat niemand hier das Recht, nicht wach zu sein. Zu gewinnen gibt es hier nichts. Das einzige, was jetzt vielleicht noch geht, ist das Unvermeidliche herauszuzögern.

„So, so“, sage ich, „erzähl mir mehr davon.“
„Auf dem Klo ist eine Frau und redet die ganze Zeit.“
„So, so.“
„Du musst kommen.“
„Mhm. Und was redet die denn?“
„So Sachen.“
„So, so.“
„Komm jetzt“, sagt meine Tochter, nimmt meine Hand und zieht mich aus dem Bett.

Also komme ich und was soll ich sagen? Vor der verschlossenen Tür unseres Gäste-WCs angekommen, muss ich meiner Tochter recht geben. Es hört sich tatsächlich so an, wie von ihr beschrieben: Bei uns auf dem Klo sitzt eine Frau und redet.

„Wer ist die?“, frage ich meine Tochter.
„Keine Ahnung“, sagt sie.

Ich lege ein Ohr an die Tür und lausche. Eindeutig eine Frauenstimme. Jetzt, mit dem Ohr an der Tür, verstehe ich auch, was die fremde Frau für Sachen redet. Sie sagt Zahlen auf.

„Runde 13“, höre ich die Frau sagen. „26 Sekunden.“
„Geht das schon länger so?“, frage ich.
„Schon die ganze Zeit.“
„Und hast du mal reingeschaut?“
„Papa, ich habe Angst.“
„Du musst keine Angst haben.“
„Dann mach jetzt die Tür auf.“
„Runde 14“, sagt die Frau. „20 Sekunden.“
„Mama ist das nicht“, sage ich.
„Soll ich sie mal holen?“
„Nein“, sage ich. „Das schaffen wir allein.“
„Runde 15. Dreizehn Sekunden.“
„Gehst du da jetzt rein oder nicht?“, verlangt meine Tochter zu wissen.
„Ich weiß nicht.“
„Runde 16. Acht Sekunden.“

Wer auch immer die Frau sein mag, die auf unserem Gästeklo Runden dreht: Sie wird immer schneller.

„Runde 17. Drei Sekunden.“

Ich beschließe, dass ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss, bevor die da drin noch abhebt, öffne die Tür und finde: Unser Gäste-WC leer vor. Das heißt, leer, wenn man von meinem Handy absieht, das auf dem Waschbecken liegt. Ich nehme es in die Hand, entsperre es und sehe, dass eine App geöffnet ist, die ich erst gestern heruntergeladen habe.

„Komm mal mit“, sage ich zu meiner Tochter und jetzt bin ich es, der sie an die Hand nimmt und den Weg weist. Wir gehen ins Wohnzimmer wo meine zweite Tochter auf der Couch sitzt und heimlich grinsend auf einem runden, schwarzen Gegenstand herumdrückt.

„Guten Morgen“, sage ich.
„Was ist das?“, fragt Nummer zwei und hält mit den Gegenstand entgegen.
„Das, meine lieben Kinder“, sage ich, „ist die Fenix 5s plus.“
„Hä?“
„Ein neues Spielzeug…“
„Juhu! Super, Papi! Vielen Dank, Papi.“
Mein neues Spielzeug…“

Einmal über die Alpen fahren mit dem Fahrrad (Teil 3)

So eine Reise soll ja auch immer ein bisschen eine Reise zu sich selbst sein. Erkenne dich selbst und so weiter. Was meine geplante Alpenüberquerung angeht, klappt das schon ganz gut. Sogar schon lange vor der Abreise. So durfte ich eben entdecken, dass ich gar nicht, wie ich es eigentlich gerne glauben würde, ein Mann mit Prinzipien bin.

Der Reihe nach. Es begann mit einer Nachricht von meiner Krankenkasse. Meine Krankenkasse gehört eigentlich nicht zum Kreis derer, mit denen ich Nachrichten austausche. Die bekommen jeden Monat Geld von mir, ich bekomme alle paar Jahre von denen eine Karte mit meinem Bild drauf.

Das war’s.

Wobei das natürlich nicht ganz stimmt. Einmal stand ich nämlich doch ganz kurz davor, meiner Krankenkasse einen Brief zu schreiben. Einen geharnischten. Es ging um Homöopathie. Ich hatte das Bedürfnis, irgendjemandem mitzuteilen, dass ich überhaupt nichts dagegen hatte, wenn die Leute sich irgendwelche Substanzen einwarfen. Solange ICH nichts damit zu tun hätte. Sobald ICH jedoch für diesen Hokuspokus bezahlen sollte, hörte meine Toleranz auf, denn jeder Euro, den Krankenkassen dafür ausgeben, fehle an anderer Stelle und damit sei ICH als Beitragszahler nicht einverstanden und darum möge meine Kasse bitte damit aufhören, Aberglauben zu bezuschussen.

Wissen Sie, woher der Begriff Hokuspokus kommt? Nein? Es gibt da eine, unbewiesene, Theorie und die geht so: Womöglich steckt die Kirche dahinter. Wenn der Pfarrer in der Messe das Kunststück vollbringt, Oblaten in den Körper von Jesus Christus zu verwandeln, murmelt er dabei doch bekanntlich die Worte “Hoc est enim corpus meum“. Das soll unsere gläubigen Ahnen so sehr beeindruckt haben, dass sie die magischen Worte des Pfarrers, oder das, was sie sich davon gemerkt hatten, auch außerhalb der Kirche zu verwenden begannen und von da an dauerte es nicht mehr lang und „Hokuspokus“ wurde zur Standardansage für jede Art Gelegenheit, bei der dem Publikum ein gewisses Maß an magischem Grundvertrauen abverlangt wird.

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich glaube es jetzt einfach mal. Denn der Glaube daran, dass sie es war, die mit Hokuspokus angefangen hat, macht mir die Kirche irgendwie sympathisch.

Zurück zu meiner Krankenkasse, von der ich also Post bekommen hatte. Es ging, das war auf den ersten Blick zu erkennen, um das Thema Gesundheitsprämien. Na toll, dachte ich, schon wieder Werbung für Mittelverschwendung und schaltete vorsorglich schon mal in den Empörungsmodus. Ich las weiter und tatsächlich, wenn ich an einer Reihe von Gesundheitsmaßnahmen teilnähme, stand da, hätte ich Anspruch auf eine von verschiedenen Prämien. Unter diesen Prämien aber fand sich nicht, wie von meinem argwöhnischen Ich vermutet, eine Schnupperstunde beim Heilpraktiker oder etwas ähnlich Anrüchiges. Dafür allerdings ein Zuschuss zu einer Sportuhr.

Auch wenn ich es nicht gleich erkannte: Das war der Punkt, an dem das mit der Erkenntnis anfing. Denn so eine moderne Uhr, das hatte ich seit meinem Besuch im Landkartenhaus herausgefunden, zeigt nicht nur die Uhrzeit und dazu ein bisschen Herzschlagschnickschnack an. Nein, moderne Uhren sind auch in der Lage, mir den richtigen Weg über die Alpen zu zeigen. Das Angebot meiner Kasse war genau das, was ich wollte – und damit kam ich meinem wahren Ich auf die Spur.

Ich fing an, das Schreiben genauer zu lesen. Je mehr ich las, umso mehr gefiel es mir. Da war zum Beispiel dieses Detail: Um mich für eine Prämie zu qualifizieren, sollte ich aus einer Reihe von Maßnahmen bloß drei auswählen und, das ist der Teil, an dem sich mich endgültig hatten, meine bei mir mitversicherten Kinder dürfen für mich mitsammeln. Um sicherzustellen, dass ich es richtig verstanden hatte, las ich es zwei Mal, aber es stimmte: Ich musste gar nicht selber zur Darmspiegelung oder so. Ich konnte einfach meine Kinder gesundheitlich voranbringen und sie, sagen wir, mal wieder zum Impfen schicken.

Impfen war gut, impfen kannten sie und irgendwas zu impfen fand sich immer. Vor allem aber bekamen die Kinder nach dem Impfen jedes Mal ein schickes Pflaster und sie durften sich zusätzlich auch noch etwas aus der Schatzkiste aussuchen. Dieses Mal bekämen eben nicht nur meine Schutzbefohlenen etwas zum Spielen, sondern zur Abwechslung eben auch mal derjenige, der hier jeden Tag den Schornstein am Rauchen hält. Also ich.

Ich fand das nur fair. Ich fand, da hätte man ja auch mal früher draufkommen können. Ich fand, eigentlich war das ja auch mal überfällig. Das war ja auch wirtschaftlich total sinnvoll. Prävention ist schließlich billiger. Gerade bei meinem Talent für Navigation und Orientierung. Wenn man mich ohne meine schicke neue Uhr in die Berge ließe – obwohl ich das Schreiben meiner Krankenkasse noch nicht einmal zu Ende gelesen hatte, bezeichnete ich die Uhr schon als „meine“ – würde ich ohnehin nur verloren gehen. Und worauf lief das hinaus? Dass ich am Ende orientierungslos und dehydriert auf irgendeinem Single Trail hing und gerettet werden musste.

Und was so ein Flug mit dem Rettungshubschrauber kostet, wusste ich. Ich hatte schließlich schon einmal einen gebraucht. Auch damals war ich Fahrradfahren gewesen in den Bergen. Gestürzt war ich, in einer engen Schlucht. Mit schwersten Verletzungen an Kopf und Rücken bergen und ausfliegen hatte man mich müssen. Zwei Wochen Krankenhaus hatte mir das eingebracht. Was das alles gekostet hatte! Allein der Flug mit dem Hubschrauber. So eine Stunde im Heli entsprach doch sicher dem Gegenwert von mehr als einem Kilogramm potenziertem Zucker. Es war doch für alle besser, wenn ich meiner Solidargemeinschaft noch so eine Rechnung ersparte. Sollten die mir mal schön meine Uhr zahlen, damit kamen sie auf jeden Fall billiger weg.

Sie haben es längst gemerkt und irgendwann ging auch mir ein Licht auf: Ich bin kein Mann mit Prinzipien, sondern ein ganz gewöhnlicher Opportunist. Aber immerhin demnächst mit einer praktischen Uhr am Handgelenk, tröstete ich mich, und rief bei unserem Kinderarzt an.