Expectations managen

Eben mit einem Kunden telefoniert, der ein kleines Projekt durchsprechen wollte. Nicht dass es besonders komplex gewesen wäre, Gesprächsbedarf bestand in erster Linie aufgrund einer gewissen Dringlichkeit: Der Kunde hat einen Kunden, der einen Auftraggeber hat, der gerne heute noch und so weiter. Sie kennen das, alles nicht besonders aufregend und schon gar keinen Blogeintrag wert.

Wäre da nicht die wunderbare Formulierung gewesen, mit der sich der Kunde, dem natürlich rechtzeitig geholfen werden kann, aus dem Gespräch verabschiedete. Die geht so: „Verbleiben wir so: Du kümmerst dich um den Text und ich rufe in der Zwischenzeit dort an und manage die Expectations.“

Die Expectations managen.

Es ist jetzt schon ein gutes halbes Stündchen her, dass ich das mit dem Text geregelt habe und wahrscheinlich sind im Rest der Republik auch die Expectations bereits erfolgreich gemanagt, aber ich kichere immer noch über diese wunderbare Formulierung: die Expectations managen.

Ich kann gar nicht anders, mir fallen seit dem Telefonat ständig neue Möglichkeiten ein, wo ich diesen wunderbaren Satz unterbringen könnte.

Ganz besonders freue ich mich auf’s Abendessen: „Schatz“, werde ich sagen, „verbleiben wir doch so: Ich kümmere mich darum, dass das Abendessen auf den Tisch kommt.“ Pause, Spannung, vage Handbewegung in Richtung hungriger Kinderschar: „und du managst in der Zwischenzeit die Expectations.“

Die Expectations managen. Was für eine tolle Bereicherung für meinen Wortschatz, was sage ich, für unser gesamtes Familiengefüge!

 

 

Ein Buch schreiben, VI

Über den Räuber Hotzenplotz hat Susanne Preußler-Bitsch einmal gesagt, ihr Vater habe den nur geschrieben, weil er sich am Krabat „festgeschrieben“ habe. Otfried Preußler habe seiner Verlegerin fürs Frühjahr das Manuskript versprochen, aber um Weihnachten gemerkt, das mit dem Krabat ging nicht. Zumindest nicht so schnell. Also schrieb er eben den Hotzenplotz und zwar in 55 Tagen.

Bei mir ging es um die Weihnachtszeit herum auch nicht recht weiter mit der Geschichte von Leah, Stefan und dem Nichts. Viel gelöscht habe ich und umgeschrieben. Vor allem den Titel, der ja, das weiß der Profi, bis zur Ankündigung der Veröffentlichung nie ein Titel ist, sondern immer nur ein „Arbeitstitel“.

Ich weiß nicht einmal mehr, welcher Arbeitstitel, der Profi spricht übrigens gerne vom „AT“, der aktuelle ist. Ich muss das mal eben nachschauen. Es ist nicht „Leah“ und auch nicht „Nichts“, sondern: „Warum uns deine Mutter verlassen musste und woher das ganze Geld kommt.“

Es gab aber noch einen weiteren Grund, warum es mit Leah und ihrem ganzen Geld vor Weihnachten nicht weiterging und der war, dass ich Kerstin Brömer den Auftrag erteilt hatte, mein Manuskript zu lektorieren. So richtig. Als käme es drauf an. Hat sie dann auch gemacht, aber das geht eben auch nicht von heute auf morgen, sondern dauert ein paar Tage, ich glaube, es waren 55, und während ich auf Kerstins Urteil wartete, fing ich an schon mal an, eine andere Geschichte zu schreiben.

Den AT dieser Geschichte weiß ich auswendig: „Neugier war der Anfang.“

Das durstige Hubbelreh

Heute beim Biken am Rosskopf ein Reh gesehen. Was ja jetzt nicht so ungewöhnlich ist. Ungewöhnlich schien mir zunächst allenfalls der Ort: Direkt vor dem „Hubbelfuchs“-Schild.

Prima Foto, war mein erster Gedanke, denk dir mal einen flotten Spruch dazu aus von wegen Hubbelfuchs/Hubbelreh und gut ist.

Dann fand ich es merkwürdig, dass das Reh es überhaupt nicht eilig zu haben schien. Wo Rehe doch normalerweise, wenn sie einen Menschen treffen, mit zwei, drei Sätzen im Gehölz verschwinden.

Nicht so dieses Reh.

Dieses Reh tüddelte eher vor sich hin. Es hielt zwar Distanz zu mir, aber wirklich wichtig schien es ihm nicht, sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich überlegte, ob es wohl verletzt war? Schien mir nicht so.

Und dann kam mir ein Gedanke, den ich mit Leuten, die sich besser auskennen als ich, teilte und die mich darin bestätigten: Das Reh wird wohl ziemlich durstig gewesen sein. Es ist ja auch wirklich trocken zur Zeit im Wald.

Ich hoffe schwer, dass es bald mal wieder so richtig regnet!

Erwachsene können nicht weinen

Wer von Freiburg aus in die Ostschweiz fährt, durchquert den Schwarzwald und kann seinen Kindern, damit die nicht spucken, Aufgaben stellen, bei denen sie zum Fenster rausschauen müssen. Zum Beispiel die hier: Wie sieht es im Schwarzwald aus? Wie sieht es in den Alpen aus? Und worin unterscheidet sich die eine von der anderen Landschaft?

Die Kinder betrachten die wechselnde Landschaft so gewissenhaft und ausdauernd, dass ich die Aufgabe, als sie mir ihre Ergebnisse liefern, längst vergessen habe.

„Geräumig.“
„Was?“
„Die Berge hier. Die sind anders als im Schwarzwald. Sie sind geräumig.“

Eine interessante Beschreibung, denke ich. Müsste man mal der Tourismusbehörde vorschlagen, denke ich. Dann hätten die mal ein anderes Adjektiv für ihre Berge als „majestätisch“ oder „atemberaubend“. Geräumig gefällt mir. Ich überlege, ob die Wortwahl damit zusammenhängt, dass wir neulich erst umgezogen und darum allesamt geübt im dechiffrieren von Wohnungsannoncen sind. Ich überlege, ob die Kinder mal in meine Fußstapfen treten und sich Sätze ausdenken werden. Sätze wie: „Geräumige Gebirgskette umständehalber abzugeben.“

Und dann sind wir auch schon da.

Raus aus dem Auto, rein in die Wanderschuhe, Rucksäcke auf und los geht’s. Bei unserem Ausflug handelt es sich um einen Gruppenausflug. „Wandern, Spaß und Entspannung im Schweizer Alpstein.“ Insgesamt zähle ich um die 30 Köpfe, verteilt auf sieben oder acht Familien, eine davon sind wir vier. Wir vier wollen ein bisschen Alpenluft schnuppern, die Kinder an die Bergwelt heranführen, schauen, wie gut wir zusammen im Gebirge klarkommen und ein paar Erinnerungen sammeln, an die wir dann gerne anknüpfen können. Sodass wir in ein paar Jahren dann richtige Bergtouren miteinander unternehmen können.

Ich will außerdem meine neue Jacke ausprobieren.

Wir folgen den weiß-rot-weißen Markierungen und haben reichlich Essen, Trinken und Sonnencreme dabei. Die Alpen kennen die Kinder bislang nur voll Schnee. Skifahren klappt schon ganz gut. Im letzten Skiurlaub kam von der Älteren, die nassgeregnet, vollgeschwitzt und nach offiziellem Ende ihres Kurs mit der Zuversicht eines Sportlers, der sich auch mal selbst einwechselt, einfach wieder hochliftete, die Erklärung, sie habe noch ganz viel Kraft.

Wenn es ums Draußensein und irgendwas machen geht, ist das inzwischen ihr Mantra. Ich hab noch ganz viel Kraft. Sie sagt das nicht nur und sie glaubt das nicht nur: Es stimmt auch.

Mit der Jüngeren verhält es sich so: Ob sie den Weg aus eigener Kraft schafft, wissen wir nicht. Wobei es bei ihr nicht eine Frage des Könnens ist, sondern des Wollens. Deshalb haben sie und ich ein spezielles Arrangement: Sie läuft so lang sie laufen kann. Und wenn sie nicht mehr kann, trage ich sie. Wobei wir nicht tragen sagen, sondern hutzeln. Hutzeln ist, wenn ich das Kind auf meinen Schultern trage. Ich kenne das von meinem Vater. Der hat mich auch immer gehutzelt.

Die Tour geht über drei Tage. Die erste Etappe soll drei Stunden Gehzeit dauern und über 745 Höhenmeter gehen, am zweiten Tag stehen drei Stunden und 462 Höhenmeter an, am dritten wieder drei Stunden und 649 Hömis. Der höchste Berg in der Nachbarschaft ist der Säntis. Egal, wo wir sind, den erkennen wir immer und zwar an seiner Antenne, zu der die Kinder „Rakete“ sagen.

Vier Stunden und ein røggsrødegewagg später müsste die Hütte da hinten um die Ecke das Tal hoch irgendwann demnächst bestimmt bald auftauchen. Kurze Besprechung. Eine aus unserer Gruppe entwickelt eine Formel, mit der wir die auf den Wegweisern angegeben Gehzeiten umrechnen können, sie ist ganz einfach: „Die Zeiten sind für Schweizer Wanderer. Alle anderen brauchen doppelt so lange.“

Da vorne um die Ecke und dann immer geradeaus.

Ich bin zwar in der Schweiz geboren, falle aber trotzdem unter „alle anderen“, was aber weniger an meiner Staatsbürgerschaft liegt, als vielmehr an dem besonderen Arrangement, von dem die Jüngere seit etwa einer halben Stunde Gebrauch macht. Ich teile der Gruppe die Entdeckung des folgenden Naturphänomens mit: Das Wandern mit lebendem Gepäck strenge zwar an, aber trotzdem vergehe die Zeit schneller. Mein Nebenmann findet, die Zeit vergehe normal, aber der Weg werde einfach nicht kürzer.

Eine Stunde später gilt ein neues Arrangement: Wenn die Jüngere nicht mehr weiterkann, trage ich sie – solange, bis ich nicht mehr weiterkann; dann läuft sie wieder. Der Deal ist für beide Seiten in Ordnung. Zwei Stunden später bemerke ich, dass die Intervalle kürzer werden. Drei Stunden später nähern wir uns Sie kann nicht mehr so lange, ich aber auch nicht. Drei Stunden später meldet sich meine innere Uhr. Es ist jetzt achtzehn Uhr. Seit ich Kinder habe heißt das: Abendessen. Vier Stunden später habe ich unser Ziel, die Mesmerhütte, noch immer nicht gesehen.

Sagen wir ruhig, wie es ist: Die von der Jüngeren und mir dargebotene menschliche Pyramide hält sich nicht mehr ganz so gerade wie anfangs. Einmal haben wir bereits einen kleineren Steinschlag ausgelöst. Und ich habe inzwischen die Hände aus den Taschen genommen. Wir bewegen uns gerade irgendwo in der Mitte unserer ziemlich langgezogenen Wanderergruppe und ich erkenne, dass wir uns Schritt für Schritt, die Kinder sagen „dipp dipp dipp“, auf die erste Stelle unseres Weges zubewegen, die alle Attribute vereint, die unseren Weg zu einem Bergweg machen.

Die einschlägigen Vokabeln sind: Trittsicherheit, exponiertes Gelände, Schwindelfreiheit, Absturzgefahr. Wer einen solchen Weg geht, sollte über eine gute körperliche Verfassung verfügen, in der Lage sein, Gefahren zu erkennen und einzuschätzen.

Jetzt heißt es aufpassen. Ich überlege: Soll ich meine Jüngere auf den Abgrund hinweisen? Oder einfach ganz normal mit ihr weitergehen? Ich weiß es nicht, also nehme ich sie an die Hand. Bislang geht sie weiter wie bisher. Sie macht das souverän. Sie achtet auf den Weg, sie setzt ihre Schritte mit Bedacht, sie hat immer einen guten Stand und nimmt den Weg wie er kommt. Kleiner Buddha, schaut weder zurück, noch nach vorn. Noch sind es ein paar Meter, vielleicht merkt sie es ja selbst und thematisiert es von sich aus?

Wie gut kenne ich mein Kind? Nicht gut genug, um einschätzen zu können, was sie als nächstes denkt, sagt oder tut. Ihre Ankündigung kommt für mich vollkommen überraschend, aber so ist das eben:

„Pipi.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Hier?“
„Ja.“

Also hebe ich sie, wie das Eltern mit ihren Töchtern machen, in die Luft und lasse sie in hohem Bogen ins Tal pieseln. Ich weise sie auf einen Wasserfall hin, der uns genau gegenüber liegt und sage, dass sie jetzt gerade auch so ein Wasserfall ist. Das gefällt ihr sichtlich. Sie quietscht vor Vergnügen. Schön hier. Der Wasserfall hört gar nicht mehr auf und ich lobe sie dafür. Das ist ein Zeichen dafür, dass sie viel trinkt, was wichtig ist. Außerdem wird sie so leichter.

Diejenigen, die nach uns gehen, es sind doch nicht mehr so viele wie gedacht, schieben sich an uns vorbei. Sie gehen schon mal vor. Klar. Darunter auch die Ältere und die Mutter. Bei uns dauert es noch ein bisschen, denn die Jüngere hatte noch etwas zu verkündigen: „Kacka.“ Bis wir fertig sind, sind sie alle um die Ecke gebogen und verschwunden. Niemand mehr zu sehen, wir sind allein.

Rechts geht es hoch, links geht es runter, hinter uns Serpentinen, vor uns der exponierte, gesicherte Weg, der Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert und an dem mir nicht, aber auch wirklich gar nichts geräumig vorkommt.

Zeit, dass wir ihn hinter uns lassen.

„Auf geht’s“, sage ich und da schafft es die Jüngere, mich auf ein- und demselben Flecken Alpenschotter zum zweiten Mal zu überraschen. Sie, die eben noch vergnügt quietschend Pipifall spielte, fühlt sich auf einmal, obwohl ich sie fest an der Hand halte, einsam und verlassen und hilflos. Und was macht so ein Menschlein, wenn es einsam und verlassen und hilflos ist?

Es ruft nach seiner Mama.

Das Echo hier im Tal ist beeindruckend. Aber von der Mama ist weit und breit nichts zu sehen. Da fängt das Kind an zu weinen. Vor einigen Wochen habe ich in meiner Eigenschaft als selbsternannter Erziehungsratgeber eine ähnliche Situation wie die beschrieben, in der ich mich jetzt befinde. Es ging um die Frage, was zu tun sein, wenn die Eltern wandern wollen, die Kinder aber nicht. Der Text endet mit einem fiktiven Dialog:

„Warum soll ich zu dieser blöden Hütte wandern?“
„Weil.“

An diese Zeile denke ich nun und bemerke meinen Irrtum. Der fiktive Dialog ist überhaupt keine Hilfe für Eltern, die mit ihren Kindern den Berg hochwollen und das liegt nicht am Inhalt oder der Form des Gesagten, sondern schon an der Grundannahme. Dass ein Dialog überhaupt stattfindet. Hier jedenfalls ist nicht mit Dialog. Hier ist kein Fragen, kein Verhandeln, kein Erklären. Hier ist nur, fest und majestätisch wie die Berge, die uns umgeben, ein Statement: Sie wünscht, jetzt nicht mehr weiter zu gehen.

Von mir hat sie das nicht.

Wer in den Alpen unterwegs ist, kann man an jeder Hütte lesen, soll die eigenen Kräfte kennen. Safety first. Im Zweifelsfall lieber auf die Tour verzichten. Ich würde dem Rat ja folgen. Ich würde sogar sehr gern ich auf den zweiten Teil der Reise verzichten, aber wie macht man das?

Also mache ich das einzige, was ich jetzt machen kann. Ich lasse das Kind brüllen und weinen, ich schaue auf den Weg vor mir, auf dem immer mal wieder einzelne Teilnehmer unserer Familienwanderung auftauchen, ich warte, bis ich die Mutter des Kindes erkenne und mache, als ich sei erkenne, diese international bekannte Geste, mit der man, die Arme auf Bauchhöhe vor dem Körper verschränken und dann die Hände umeinander kreisend, signalisieren kann, dass man bitte ausgewechselt werden möchte.

Die Mutter sieht mich, sie versteht mich, sie quittiert meinen Wunsch, indem sie mit den Fingerspitzen die höchste Stelle ihres Kopfes berührt. Das ist Tauchersprache und heißt: ok.

Sind wir nicht ein tolles Team?

Die Mutter und die Ältere drehen um, sie kommen zu uns zurück. Wir tauschen die Kinder und ich gehe vom Platz. Wobei vom Platz gehen hier gleichbedeutend ist mit: in die Wand.

„Geräumiger Abgrund umständehalber abzugeben“, denke ich, behalte den Scherz aber lieber für mich. Stattdessen befehle ich der Älteren, die Hand nicht von dem Drahtseil zu lassen, das am Wegesrand in den Stein geschraubt ist. Die Ältere ist wissbegierig. Sie stellt Fragen, immer stellt sie Fragen. Obwohl sie immer die gleiche Antwort bekommt. Warum muss ich mich festhalten? Weil. Warum bist du so langsam? Weil. Warum schaust du so komisch? Weil.

Kinder haben: Eben träumst du noch davon, ob sie eines Tages in deine Fußstapfen treten und jetzt flehst du sie an, dir nicht davonzurennen.

Ich überlege, ob ich meine Meinung, dass jetzt nicht der beste Moment ist, ein Gespräch über Höhenangst zu führen, revidieren soll? Ich lasse es lieber, fange aber doch an, meine Antworten etwas auszuführen. Was die Stimmung auch nicht gerade verbessert. Sie kann ja wohl schon laufen. Sie muss sich ja wohl nicht festhalten. Sie ist ja wohl schon oft hingefallen. Das macht ja wohl nichts. Ich soll mich mal nicht so anstellen.

Sie hat noch ganz viel Kraft – ich bin gemein.

Ich schaue nach unten. Diese Aussicht! Atemberaubend. Ich schaue nach hinten. Dort ist noch immer Sitzstreik. Ich schaue nach vorn. Ein paar Meter noch geht es so weiter wie hier, dann geht es ums Eck. Was danach kommt, weiß ich nicht. Fels, vermutlich, Geröll, ein paar versprengte Wandersleute und dahinten, irgendwo, ein Bett für die Nacht.

Ich will nicht mehr.

Lasst mich einfach hier liegen.

 

WSeahwsIKnu, IX

Heute fragt mal nicht ein Erziehungsberechtigter, sondern ein Erziehungsbetroffener: „Warum darf ich Jogi Löw nicht anquatschen?“

Um herauszufinden, ob es für Jogi Löw, der, wie all Freiburger wissen, gerne und oft in den hiesigen Cafés herumsteht (niemals sitzt er, immer steht er), ok ist, einfach so angequatscht zu werden, müsste man ihn schon fragen. Dazu müsste man ihn aber erst einmal anquatschen.

Aber was käme dabei wohl für eine Unterhaltung raus?

Ich: „Darf man Sie eigentlich anquatschen?“
Jogi Löw: „Nein.“
Ich: „Danke.“

Oder so:

Ich: „Darf man Sie mal anquatschen?“
Jogi Löw: „Ja.“
Ich: „Danke.“
Jogi Löw: „Und?“
Ich: „Nix und. Das war’s schon.“

Das fände ich unter meinem Niveau. Darum lasse ich es lieber und beschränke mich aufs Spekulieren, was mir deshalb leicht fället, weil Jogi Löw ein vergleichbares Schicksal teilen.

Bei mir ist das nämlich so: Ich kann mir Gesichter nicht so gut merken.

Ein Beispiel. Ich kenne meine Friseurinnen. Ich kenne auch meine Kassiererinnen beim Supermarkt. Solange alle wie erwartet an ihrem Platz sind, wenn ich sie treffe, erkenne ich sie nicht nur korrekt wieder, ich kann sogar nahtlos mit ihnen da weiterplaudern, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben.

Aber jetzt kommt’s: Werde ich, wie neulich geschehen, an der Kasse im Supermarkt von meiner Friseurin angesprochen, finde ich die Verbindung nicht. Ich schaffe es dann zwar, alle an mich gestellten Fragen grammatisch korrekt zu beantworten, bin aber, wenn es wieder vorbei ist, was in solchen Fällen üblicherweise recht schnell geschieht, doch froh, dass keine Kameras dabei waren.

Und das ist es, was mich mit Jogi Löw verbindet.

Nicht falsch verstehen, ich behaupte nicht, dass sich Jogi Löw einen auffälligen Umgang mit Kassiererinnen oder Friseurinnen pflegt. Vermutlich ist das Gegenteil richtig. Ich nehme an, Jogi Löw gibt sich auch gegenüber Kassiererinnen und Friseurinnen als der Mann von Welt, den wir alle kennen.

Was uns beide verbindet, ist etwas anderes: Wenn wir uns durch Freiburg bewegen, müssen wir davon aus, dass uns alle kennen.

Was in meinem Fall dazu führt, dass ich grundsätzlich alle Leute, die mir in dieser Stadt über den Weg laufen erst einmal so anschaue, als hätten sie mir schon mal in den Haaren herumgewuschelt oder wüssten, was es bei mir morgens zum Frühstück gibt.

Dafür, dass das bei Jogi Löw anders sein sollte, habe ich keinen Grund zur Annahme. Im Gegenteil. Denn was an ihm auffällt ist, dass er sich keinerlei Mühe gibt, sich zu verstecken oder zu verkleiden. Es gibt nur ein Jogi Löw und der sieht immer gleich aus (und verbringt wirklich sehr viel Zeit in Freiburger Cafés und zwar immer in den gleichen und immer zur gleichen Uhrzeit, was den Bundestrainer, wie mir gerade auffällt, eigentlich für eine lose Bekanntschaft mit mir prädestiniert.)

Du fragst, warum du ihn nicht anquatschen darfst und meine Antwort lautet: Natürlich darfst du ihn anquatschen. Es ist ja nicht verboten. Es kann aber halt passieren, dass du, siehe oben, mit der daraus resultierenden Unterhaltung nicht zufrieden sein wirst. Daher rate ich dir, lass das mit dem Anquatschen lieber sein.

Besser als dich beim Bundestrainer ins Gespräch zu bringen ist es, vom Bundestrainer ins Gespräch gebracht zu werden. Überlege dir anstatt ihn anzuquatschen lieber, wie du Jogi Löw dazu bringen kannst, dass er dich anquatscht. So schwer dürfte das eigentlich gar nicht sein. Aus meiner Sicht gibt es dafür im Moment zwei mögliche Wege. Entweder versuchst du, ein begnadetes Café zu eröffnen. Oder du wirst halt Mittelfeldregisseur.

Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen VIII

„Ich würde die vielen schönen Sommertage gerne nutzen, um mit meinem Sohn viele schöne Dinge zu erleben. Allerdings liegt unser Kindergarten direkt neben der Eisdiele. Darum gibt es bei uns Sommer sehr oft nur in zwei Varianten: Entweder gehen wir Eis essen – oder es gibt ein Affentheater. Wie können wir mehr Abwechslung in unseren Sommer bringen?“

Sie haben da einen Sohn erhalten, der sehr gut in die heutige Zeit passt. Nicht weniger als drei momentan sehr populäre Manöver erkenne ich auf Anhieb.

Erstens pickt er aus der Vielzahl schöner Dinge, die er gemeinsam mit Ihnen erleben (oder um die er sich Gedanken machen) könnte, ein einzelnes heraus. Auf das kommt er immer wieder zu sprechen und darin ist er so festgefahren, dass er an nichts anderes denken kann. Und Sie werden davon, ob Sie es wollen oder nicht, mitgerissen. Er betreibt also Agendasetting und das offensichtlich mit einigem Erfolg.

Zweitens spitzt Ihr Sohn sein Thema so zu, dass es scheinbar nur zwei Möglichkeiten gibt: Eis essen oder Affentheater. Und Sie sollen sich entscheiden: Sind Sie mit ihm oder gegen ihn? So geht Polarisierung.

Drittens verschiebt Ihr Sohn, indem er sein Affentheater aufführt, Sie dabei vielleicht als Rabenvater dastehen lässt oder Ihre gute Absicht in Abrede stellt oder Sie beleidigt, die so genannten Grenzen des Sagbaren. Ich nehme an, Sie haben schon an sich selbst festgestellt, wohin das führt: Sagen Sie Dinge, die Sie nie sagen wollten? Schämen Sie sich dafür? Oder schämen Sie sich schon nicht mehr dafür?

Agendasetting, Polarisierung, Grenzen verschieben: Diese drei Manöver sind leicht durchschaubar. Das ändert aber nichts daran, dass sie wirken. Und dass Sie sich dem unbedingt entgegenstellen sollten. Denn es geht hier um sehr viel mehr als die Frage, wie Sie einen abwechslungsreichen Sommer erleben. Es geht um Folgendes: Lassen Sie Ihren Sohn mit seinem Verhalten durchkommen, finden Sie sich irgendwann in der Rolle desjenigen wieder, der ihm mit zwei Schritten Abstand überall hin zu folgen und dabei sein kleines Atomköfferchen startklar zu halten hat.

In so einer Welt wollen Sie nicht leben und ich will das auch nicht. Tun Sie uns allen den Gefallen, und verhindern Sie, dass Ihr Sohn das für normal hält.

Wie Ihnen das gelingen kann, kann ich Ihnen nicht sagen (ich bin bekanntlich kein Experte). Das müssen Sie also selber herausfinden, genau wie alle anderen. Ich kann Ihnen aber sagen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, es zu versuchen: Solange Sie noch die Macht haben. Solange Sie noch gemäß Fakten und Vernunft regieren können. Solange es im Verhältnis mit Ihnen, Ihrem Sohn und der Welt, in der Sie leben, nur um die Frage geht, ob er heute schon wieder ein Eis essen darf. Und nicht beispielsweise darum, um einigermaßen im Bild zu bleiben, ob Eis wirklich schmilzt, wenn es wärmer wird, oder ob das nicht letztlich auch Ansichtssache oder eine Frage des schieren Willens ist.

Der richtige Zeitpunkt ist: jetzt.

Meinetwegen heiligt in Ihrem Fall auch der Zweck die Mittel. Ziehen Sie Ihren Sohn, wenn es sein muss mit Gewalt, aber jedenfalls zügig und entschlossen an der Eisdiele vorbei. Bunt ist das Dasein und granatenstark. Schleppen Sie ihn dorthin, wo Sie all die schönen Dinge erleben können, die Sie mit ihm erleben wollen. Ein Wasserspielplatz, eine Fahrradtour, auch mal eine Pizza: Was auch immer die Alternative zum Eis sein mag.

Zeigen Sie sie ihm die Schönheit, die Vielfalt der Welt. Begeistern Sie ihn dafür. Wenn es sich bei Ihrem Sohn, wovon ich ausgehe, nicht um einen Trottel vom Kaliber desjenigen handelt, an den Sie gedacht haben mögen, als Sie das Wort „Atomköfferchen“ gelesen haben, bin ich mir sicher: Sie schaffen das.

(Machen Sie dabei aber auch kein Dogma daraus. Schon gar nicht sollten Sie Ihrem Kind jegliches Eis verwehren, denn, wie amerikanische Wissenschaftler in einer aktuellen Studie herausgefunden haben, gehört zu einer glücklichen Kindheit Eis unbedingt dazu. Zwar nicht jeden Tag und schon gar nicht unkontrolliert, aber immerhin doch in Mengen, die die von Ihrem Bauchgefühl vorgegebene um circa den Faktor zwei bis drei überschreiten.)

Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, VII

„Soll ich mein Kind am Platz der alten Synagoge im Denkmal baden lassen?“

Mein erster Impuls war es, Ihre Frage, weil sie nicht zum Thema dieser Kolumne passt, nicht zu beantworten, doch dann fiel mir ein, dass das Gegenteil stimmt. Doch bevor ich erkläre, was Kinder baden mit Kinder umbringen zu tun hat, muss ich erst einmal diejenigen unter meinen Lesern abholen, in deren Medienmix kein Freiburgteil enthalten ist.

Freiburger können den Teil in Klammern überspringen.

(Der Platz der alten Synagoge wurde im vergangenen Jahr nach jahrelangen Planungen eröffnet, während derer unter anderen die beiden zentralen Fragen gestellt wurde, ob sich, erstens, auf so einer großen, versiegelten Fläche nicht zu heiß werde und wie, zweitens mit dem Andenken an die Synagoge zu verfahren sei, die hier früher stand.

Die kurzen Antworten auf diese Fragen lauteten. Erstens: passt schon. Zweitens: mit einer Art Brunnen.

Nun ist der Platz da, auf den Steinplatten wird es ziemlich heiß und Kinder nutzen das brunnenartige Denkmal zum Abkühlen. Viele in der Stadt stellen sich nun die Frage, die auch unsere heutige Fragestellerin umtreibt: Sollen wir die Kinder auf den Überresten der von Nazis zerstörten Synagoge baden lassen oder nicht?

Eine Frage, die übrigens während der Planung des Platzes keine Rolle spielte. „Einen möglichen Konflikt zwischen Erinnerungsort und urbanem Leben haben wir nicht auf dem Schirm gehabt“, sagt einer, der dabei war. Glaube ich sofort. Hätte mir auch passieren können.)

Nun zum Grund, warum die Frage sehr gut in die Reihe passt. Zu den schönsten Spielplätzen Freiburgs gehört der nagelneu gemachte Hildaspielplatz im Stühlinger. Wer dort herumstromert, entdeckt vielleicht einen hübschen, auf einem Stein abgelegten Blumenstrauß. Zumindest stießen meine Kinder darauf und wissensdurstig wie sie sind, fragten sie natürlich nach, warum da so schöne Blumen lagen.

Also las ich ihnen die zugehörige Inschrift vor:

„Unter den 57 Opfern, die der irrtümliche Bombenangriff deutscher Flugzeuge auf Freiburg am 10. Mai 1940 forderte, waren 20 Kinder. 13 von ihnen starben auf diesem Spielplatz.“

„Spielplatz“ und „Flugzeug“ kennt jedes Kind, bis sie „Sterben“, „Bombenangriff“ und „irrtümlich“ begriffen, dauerte es aber ein andächtiges bisschen und als sie mit Nachdenken fertig waren, schauten die Kleinen schweigend in den Himmel, was zwar ganz einfach daran gelegen haben mag, dass sich, wie das bei Spielplätzen, die in Einflugschneisen liegen, eben so üblich ist, gerade ein brummendes Flugzeug näherte, mich aber trotzdem etwas näher an sie ranrücken ließ.

Wer in Freiburg mit Kindern und offenen Augen unterwegs ist, dem geht es wie jedem, der irgendwo in Deutschland mit Kindern unterwegs ist: Der Nationalsozialismus hat in jedem Stadtteil, in jeder Straße und auf jedem Platz Spuren hinterlassen. Darum darf angenommen werden, dass, wer auf dem Platz der alten Synagoge badet, nicht ganz unbedarft badet. Auch Kinder nicht.

Das ist wichtig zu wissen für den praktischen Teil, zu dem wir nun endlich kommen: Sollen Sie Ihr Kind dort baden lassen? Aus meiner Sicht gibt es hier vier denkbare Szenarien. Bei den ersten beiden spielt Ihr Kind die wichtigste Rolle, beim dritten komme ich und beim vierten Szenario kommt dann auch noch Joachim Löw ins Spiel.

Szenario eins: Ihr Kind weiß noch nichts von der Judenvernichtung und wenn Sie ihm jetzt davon erzählen, versteht es kein Wort. Empathie kann es auch noch nicht. In dem Fall lassen Sie Ihrem Kind seinen Spaß. Es wird den Ernst des Lebens noch früh genug kennenlernen. Lassen Sie es planschen.

Szenario zwei: Ihr Kind hat schon von der Judenvernichtung gehört und versteht etwas von den Gefühlen anderer Leute. In dem Fall erklären Sie Ihrem Kind, warum manche Leute es unangebracht finden, wenn in dem Denkmal gebadet wird. Erklären Sie ihm auch, dass andere Leute das anders sehen. Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Meinung mit und überlassen Sie die Entscheidung Ihrem Kind.

Szenario drei: Ihr Kind badet im Denkmal, Ihr Kind und Sie finden das in Ordnung, aber jemand anders nicht. Beharren Sie nicht darauf, Ihr Kind im Wasser zu lassen, aber erklären Sie, warum Sie sich so entschieden haben.

Szenario vier: Ihnen ist mit eins bis drei nicht geholfen, immer bleibt irgendwo ein komisches Gefühl. In diesem Fall empfehle ich den Gang nach nebenan zu den Fontänen oder in eins der umliegenden Cafés, zum Beispiel ins Sedan. Spendieren Sie Ihrem Kind ein Eis und widmen Sie sich einer Frage, die im Moment sicherlich auch sehr viele Leute umtreibt, die aber in der veröffentlichten Debatte kaum abgebildet wird: Ist es eigentlich ok, den Jogi Löw einfach so anzuquatschen und wenn ja, was soll ich denn dann sagen?

Nachtrag: Die Aussage auf diesem Schild steht meiner Meinung nicht entgegen. Finde ich.

 

 

 

Morgens gegen elf

Wenn ich morgens gegen elf anderer Leute Schwärmereien über einen mir bislang unbekannten Käse lese, habe ich keine Ruhe, bis der Käse aufgetrieben und verzehrt wurde.

Was jetzt, beim Fall Stracchino, genau drei Tage dauerte. Hier die Zusammenfassung: Meine erste Wahl für italienischen Käse ist ein Stand am Freiburger Münstermarkt*, an dem ich samstags gerne Gorgonzola hole, aber bis Samstag konnte ich nicht warten. Also die Käseläden in der Schusterstraße und der Münzgasse angesteuert. In der Schusterstraße kannten sie den Käse immerhin und schickten mich zum Primo, einem italienischen Feinkostladen. Dort gab Schinken und Wein, aber keinen Stracchino.

Damit war Freiburg erst einmal abgeklappert.

Aber schließlich kommt man aus dem Dreiländereck und was für andere exzentrisch klingen mag, ist hier normal: Am gleichen Tag in Deutschland, der Schweiz und Frankreich einzukaufen. Also ab nach Basel und tatsächlich: Dort gab es den Käse (bei Manor).

Dazu, wie das Panino, für den ich den Käse brauchte, zubereitet wird und wie es schmeckt, sage ich nichts. Das haben andere besser getan. Von mir nur soviel dazu: Alles korrekt, schmeckt prima, der Einsatz hat sich gelohnt. Vor allem, da ich mein Panino mit einem Schuss desjenigen Pfeffers verfeinert habe, von dem ich Anfang des Jahres gelesen habe, wie gut der schmecken soll (ich weiß nicht mehr wo, bin mir aber recht sicher, wann ich den Pfeffer-Artikel gelesen habe; es muss morgens gegen elf gewesen sein).

Panini mit Stracchino, Schinken, Rucola und Pfeffer: Wird es wieder geben.

* „Am Freiburger Monstermarkt“ #Autokorrektur

 

Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, VI

„Wir lieben die Natur und wollen so viel wie möglich draußen sein. Auch mit unseren Kindern. Darum gehen wir demnächst mit dem Schwarzwaldverein auf ein Familienwanderwochendende. Unsere Kinder wären eigentlich im idealen Alter, groß genug, um sich selbst fortzubewegen und haben noch keine eigenen Handys. Aber leider lassen sie sich im Moment überhaupt nicht mehr dazu motivieren, mit uns vor die Tür zu gehen, geschweige denn von Hütte zu Hütte zu wandern. Sollen wir das Wochenende lieber abblasen?“

Bevor Sie zur Ultima Ratio greifen und das Wochenende abblasen, können Sie sich folgende Frage stellen: Warum will ich überhaupt wandern? Wenn es Ihnen geht wie mir, beantworten Sie die Frage ohne nachzudenken. Meine Top drei Gründe wären die Luft, der Rücken, das z’Vieri.

Gründe, nicht rauszugehen, gibt es hingegen keine. Also eigentlich eine klare Sache, sollte man meinen. Trotzdem gehen die Kinder nicht raus: Wie kann das sein?

Am Können kann es nicht liegen. Zumindest ist das bei uns so. Meine Kinder können vieles besser als ihre Eltern. Zum Beispiel können sie viel länger auf der Schiffschaukel bleiben als ich. Und wenn wir endlich fertig sind, können sie sofort eine Wurst. Den Stand erreichen können sie in einer geraden Linie, wobei sie den Weg zur Wurst nicht gehen, sondern hopsen können, wie sie ohnehin jede Strecke hopsend und dabei ihre Ärmchen umherwerfend zurücklegen (was im Vergleich zum Sohn von Freunden noch harmlos ist, kann sich dieser doch prinzipiell nur Rollschuh fahrend und Rad schlagend fortbewegen (nicht Rollschuh fahrend oder Rad schlagend, nein, Rollschuh fahrend UND Rad schlagend)).

Da sollte man doch eigentlich erwarten, dass die so einen Spaziergang von Hütte zu Hütte auf Händen absolvieren oder auf Stelzen, dass sie Bockspringen üben oder ein Schubkarrenrennen veranstalten. Stattdessen stöhnen sie und geben Worte von sich, die man als Elter nie zu hören geglaubt hatte, die man einmal nur – nur ein einziges Mal! – auch nach dem Abendessen hören möchte: „Ich kann nicht mehr. Ich bin soooo müde.“

Wie kann das sein?

Meine Vermutung lautet: Es liegt an den Gründen. Was auch immer die Gründe sein mögen, die Sie in die Natur treiben, es sind die falschen oder besser gesagt, schon der ganze Ansatz, einen Grund zu haben, einen Grund haben zu müssen, ist falsch.

Wenn ich meine Kinder frage, warum sie so prima Schiffschaukel fahren oder hopsen können, sagen sie: „Weil.“ Woraufhin ich behaupte, „weil“ sei keine Antwort.

Aber was, wenn „weil“ doch eine Antwort ist? Was, wenn „weil“ sogar eine sehr gute Antwort ist?

Ich meine irgendwo etwas gelesen zu haben, das dazu passt. Dass fast alle Fragen weitere Fragen nach sich ziehen. Dass man immer weiter „Warum“ fragen kann und so nie an ein Ende kommt, außer bei einer überschaubaren Anzahl von Angelegenheiten. Die paar letzten Dinge sind so wichtig und essenziell, dass sie keinerlei Begründung erfordern. Wenn ich mich richtig erinnere, ist, wer an diese Fragen rührt, dem Sinn des Lebens auf der Spur.

Betrachten Sie Ihre Wanderung als solch eine Angelegenheit.

Was auch immer die Gründe sein mögen, die Sie in die Natur ziehen, versuchen Sie sie abzulegen. Nehmen Sie Ihr Familienwochenende als Unterfangen, das frei sein darf von oberflächlichen Zwecken. Versuchen Sie zu wandern, einfach nur um zu wandern. Ich könnte mir vorstellen, dass da der Schlüssel zu Ihrem Glück verborgen liegt:

„Warum müssen wir jetzt zu dieser doofen Hütte latschen?“
„Weil.“