Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, V

„Unserem Sohn (4) wurde heute von einer Freundin mitgeteilt, Gott schütze nur getaufte Kinder. Nun hat er uns gefragt, ob das stimme, warum er nicht getauft sei und ob wir das noch ändern könnten? Das ist aber nicht der Grund, weswegen ich Ihnen schreibe: Die Antworten auf seine Fragen  konnten meine Frau und ich unserem Sohn bereits selber geben. Wo wir jedoch uneins sind: Wie sollen wir mit der Freundin verfahren, die unserem Sohn so einen Quatsch in den Kopf setzt?“

Mit dem Glauben halte ich es ähnlich wie mit dem Essen von Fleisch, Reisen per Flugzeug und Globulin: Ich muss keine Meinung dazu haben. Ich muss nicht einmal darüber Bescheid wissen; aber sobald ich doch darüber nachdenke, kommen mir recht schnell recht viele und recht gute Gründe in die Quere, warum ich meine bequeme vielleicht doch zugunsten einer kritischen Haltung aufgeben sollte.

Ist die Ansage, die die Freundin Ihres Sohnes abgeliefert hat, so ein Grund?

Blaise Pascal, einer der wenigen mir namentlich bekannten Theologen, lebte im 17. Jahrhundert in Frankreich und war nicht nur Theologe, sondern auch Mathematiker. Was es ihm ermöglichte, die Sache mit dem Glauben von einer recht nüchternen Warte aus zu betrachten.

Pascal ging davon aus, dass sich Gottes Existenz nicht beweisen ließe. Ob sich der Glaube an Gott lohne, erfahre der Gläubige frühestens, wenn er gestorben sei: Gibt es Gott, wird der Gläubige belohnt – gibt es ihn nicht, hat er eben Pech gehabt. Wobei ein Gläubiger, der „Pech gehabt“ hat, durch seinen (nichtsnützigen) Glauben an Gott keinen Verlust erlitten habe, während einer, der „belohnt“ wird, einem riesigen Gewinn erziele.

Unter den vielen möglichen Gründen, warum Menschen an Gott glauben, ist das natürlich ein besonders schlichter. Mit dieser Argumentation könnte ich mir Herrn Pascal ohne Probleme dabei vorstellen, wie er sich am Samstag Nachmittag overdressed im Einkaufszentrum samt den positive Stimmungen verbreitenden Kreditkarten- und Gewinnspielverkäufern der Kundschaft in den Weg stellt. Aber stünde er da tatsächlich und würde mir eine Wette auf die Existenz Gottes vorschlagen, bei der ich gar nicht verlieren könnte: Mit welcher Argumentation würde ich ihn wohl stehenlassen?*

So betrachtet ist natürlich auch der Freundin Ihres Sohnes schwer beizukommen.

Allerdings geht es dieser Person ja, wie ich Ihrer Anfrage entnehme, überhaupt nicht um das Leben nach dem Tod, sondern um ihr Hier und Jetzt. Es geht ihr um Gottes Schutz in ihrem Alltag. Sie lebt in der Annahme, durch ihren Glauben an Gott eine sofort wirksame Besserstellung gegenüber Ihrem ungetauften Sohn zu erreichen.

So betrachtet ist das natürlich eine ganz andere Nummer: Schützt Gott getaufte Kinder und verwehrt er ungetauften Kindern seinen Schutz? Das müsste doch relativ schnell und unkompliziert herauszufinden sein. Mir jedenfalls fallen für alle auf dem Spielplatz bei uns um die Ecke aufgestellten Spielvorrichtungen wie Klettergerüst, Sandkasten, Schaukel oder Wasserpumpe ohne großes Nachdenken ausreichend Versuchsanordnungen ein, anhand derer sich die Annahme, gottesgläubige Kinder verfügten über einen besonderen Schutz, wenn ich das mal so flapsig formulieren darf, „falsifizieren“ ließe.

Aber ich schweife ab und das unnötig, denn abgesehen davon, dass das von Ihrem Erziehungsauftrag nicht abgedeckt wäre, müssen sie es gar nicht soweit treiben, der Freundin Ihres Sohnes die Leistungsfähigkeit ihres Glaubens zu demonstrieren. Lassen Sie das mal schön Gottes Sache sein.

Wie Sie überhaupt darüber nachdenken können, ob Sie mit der Person, die ihrem Sohn „diesen Quatsch“ in den Kopf gesetzt hat, überhaupt irgendwie „verfahren“ müssen.

Ich glaube: nein.

Ich glaube, Sie können es einfach gut sein lassen. Ich glaube, Sie können der Freundin Ihres Sohnes ihren Gott vielleicht sogar gönnen. Ich glaube, das täte Ihnen gut und wäre für Ihr Kind ein schönes Vorbild in Sachen Toleranz.

Aber das glaube ich eben nur – wissen tue ich es nicht.

*Ausgenommen Hexenverfolgung, Religionskriege und Kreuzfahrten, Kolonialismus, Kirchensteuer und Kindesmissbrauch und ähnliche irdische, menschengeschaffene Folgen – es geht nur um die Frage, ob Sie ganz persönlich aufs Paradies hoffen dürfen oder nicht.

Pedal the world

Pedal the World“ geschaut. Sehr inspirierend. Eine Weltreise werde ich jetzt zwar nicht direkt starten, aber dafür gab’s heute gleich mal was Neues zum Abendessen und weil’s sicher mal wieder zubereitet wird, hat das Gericht auch gleich einen Namen bekommen: Ei unnäh Paprika.

Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, IV

„Ich erkenne meine Tochter nicht wieder. Sie ist gerade mal neun Jahre alt und führt sich auf wie ein Junkie. Sie ist nach Pananibildern süchtig, mit allem, was dazugehört: Sie hat neue Freunde, die ich nicht kennenlernen soll. Sie hat Augenringe und sie lügt. Mindestens einmal hat sie sich schon an meinem Geldbeutel bedient. Wenn ich mit ihr reden will, blockt sie ab und behauptet, nicht sie habe das Problem, sondern ich. Ich habe ihr jetzt den Geldhahn zugedreht und meinen Geldbeutel gut versteckt, aber trotzdem finde ich jeden Tag neue, leere Papiertütchen. Was kann ich tun, um diese komplett sinnfreie Abhängigkeit zu beenden?“

„Der Titel eines Buches, das ich vor einigen Jahren unbedingt haben musste, lautet: „A Narrative of Missionary Enterprises in the South Sea Islands with remarks upon the natural history of the islands, origin, languages, traditions, and usages of the inhabitants.“

Es war gebraucht für ungefähr 150 Euro zu haben, was, wie ich finde, ziemlich viel Geld für ein Buch ist, aber ich hatte keine Wahl. Ich brauchte es. Dringend. Also habe ich es gekauft.

Nun taugt meine damalige Lage nur bedingt zum Vergleich mit der aktuellen Lage Ihrer Tochter. Denn wenn die ihr Paninialbum voll bekommen will, muss sie deutlich mehr Geld aufbringen. Experten rechnen mit etwa 300 Euro. Bekommt Ihre Tochter die vom deutschen Jugendinstitut als monatliches Taschengeld für ihre Altersgruppe empfohlene Summe von 13 Euro, wäre ihre Sammlung in circa 23 Monaten vollständig. Also genau zum Anpfiff der auf die diesjährige WM folgenden EM.

Was muss das für ein Druck sein?

Ich versuche gerade mir vorzustellen, ich müsste in ein paar Wochen so viel Geld auftreiben, wie sonst in zwei Jahren reinkommt! Da hätte ich bestimmt auch Augenringe.

Wie ich mit so einer Situation umgehen würde, weiß ich nicht. Womöglich bliebe mir nichts anderes übrig, als um Hilfe zu bitten. Aber wen würde ich fragen? Ich bräuchte eine Person, von der ich sicher wüsste, dass sie mir nicht nur helfen will, sondern das auch kann. Eine gute Fee. Am besten eine, die nach Belieben druckfrische Scheinchen aus dem Automaten zaubern kann…

Angenommen es gäbe eine solche Fee und ich hätte auch noch das Riesenglück mit ihr unter einem Dach zu wohnen: Wie würde ich mich wohl fühlen, wenn nun ausgerechnet sie keinerlei Verständnis für meine Lage hätte? Wenn sie mich öffentlich einen Lügner nennen würde? Wenn sie, kaum dass ich eingeschlafen wäre, Arges wähnend in meinem Zimmer umherschliche? Wenn Sie mir nicht mehr Geld gäbe, sondern gar keines mehr?

So viel zur Position Ihrer Tochter.

Nun zu Ihrer. Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich ungefähr so argumentieren: Ich bin erstens keine Glücksfee, sondern Erziehungsbeauftragter, zweitens hat das Geld auf meinem Konto nichts mit Zauberei zu tun und selbst wenn, dann tauchen Paninibilder auf der lange Liste der Dinge, die ich für konsumierbar halte, drittens nicht auf, womit jegliche Unterstützung, die meine Tochter von mir in dieser Angelegenheit erwarten darf, darauf hinausläuft, sie von diesem Teufelszeug wegzubekommen – und damit wäre ich an genau der gleichen Stelle wie Sie jetzt, bloß dass ich dort wahrscheinlich etwas schneller gelandet wäre.

Daraufhin würde mir meine Tochter vielleicht vorwerfen, mal wieder nichts zu verstehen, woraufhin ich an durchschnittlichen Tagen behaupten würde, dass ich manche Sachen überhaupt nicht verstehen will.

Oder ihr, wenn ich gerade einen guten Tag habe, erlauben würde, um mein Verständnis zu werben. Mir das alles noch mal in Ruhe zu erklären. Mir darzulegen, warum sie überhaupt Bildchen sammeln muss.

Wie ist das bei Ihnen?

Wissen Sie, was Ihre Tochter dazu gebracht hat, Bildchen sammeln zu müssen? Hatte sie schon ausreichend Gelegenheit, Ihnen zu erklären, was sie da macht? Haben Sie ihr zugehört? Haben Sie sie verstanden? Können Sie ihre Gründe nachvollziehen? Könnten Sie die Motive Ihrer Tochter einem Dritten so gut darlegen, dass Ihre Tochter nichts hinzuzufügen oder richtigzustellen hätte?

Worauf ich hinauswill: Manchmal sind die Dinge nicht, wonach sie aussehen. Manchmal sind sie nur Repräsentanten für etwas ganz anderes. Manchmal geht es beim Sammeln wie bei vielen anderen Formen des Konsums nicht um das Ding an sich. Ist das bei Ihrer Tochter so? Wenn ja, was mag das sein? Ich weiß es nicht, aber was auch immer es ist: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie dafür mehr Interesse aufbringen, als für die Bilder an sich.

Fragen Sie sie doch noch mal. Die Paninis Ihrer Tochter schaffen sie mit so einem Gespräch zwar nicht aus der Welt, aber immerhin haben Sie sich dann mal wieder einigermaßen zivilisiert mit ihr unterhalten. Und vielleicht fällt es Ihnen danach auch wieder leichter, ihre Tochter wiederzuerkennen.

(Falls Sie sich fragen, warum ich damals unbedingt das Buch eines Missionars haben musste: Auch mir ging es dabei nicht um das Buch an sich. Ich wollte vielmehr mit Hilfe des Buchs den Nachweis führen, dass einer der Tänze, den die männlichen Einwohner Samoas an Festtagen aufführen, eine Weiterentwicklung des Schuhplattlers ist. Sie finden das merkwürdig? Ich auch. Aber so ist das eben mit unseren Leidenschaften: Wir suchen sie uns nicht aus, aber was wäre das Leben ohne sie?)“

Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, III

„Als ich meine Tochter heute aus dem Kindergarten abholte, kam sie mir mit einem bunten Pflaster auf dem Arm entgegengelaufen und erzählte gleich, was passiert war: Sie war von einer Zecke gebissen worden. So weit, so ärgerlich. Aber jetzt kommt’s erst! Als ich sie fragte, wer ihr die Zecke denn rausgeholt habe, sagte sie „niemand“. Das Miststück steckte nämlich noch drin. Können Sie sich das vorstellen?“

„Ganz spontan und unreflektiert würde ich mit „Nein“ antworten. Ich kann mir das nicht vorstellen. Aber ich bin ja, vor allem, wenn es um Zecken geht, auch nur einer dieser schnell in Besorgnis und damit in Empörung zu versetzenden Väter und nicht, sagen wir, das Robert-Koch-Institut.

Ich habe mich aber schlau gemacht und kann Ihnen daher für den medizinischen Teil Ihrer Erlebnisses auch eine etwas reflektiertere Antwort geben. Die lautet: Aus therapeutischer Sicht ist das Bedecken einer Zecke mittels Pflaster vergleichbar mit dem Verabreichen von Kügelchen („Ich nehme dein Problem zur Kenntnis, aber nicht ernst“); es zählt damit nicht zu den empfohlenen Maßnahmen.

Trotzdem ist Ihr Kind mit einer Zecke unter einem Pflaster im Kindergarten herumspaziert.

Wie kann das sein?

Diese Frage habe ich mir nicht nur selbst gestellt, sondern auch einigen ausgewählten Erzieherinnen und Erziehern sowie dem Internet und wieder einmal durfte ich feststellen, dass man wirklich nie auslernt: Es gibt tatsächlich Gründe dafür, Zecken nicht sofort nach Entdecken zu entfernen, sondern sie Ihrem Kind erst noch weiter das Blut aussaugen und dabei womöglich Borreliose- und/oder FSME-Erreger übertragen zu lassen.

Allerdings sind diese Gründe nicht medizinischer, sondern ängstlicher oder, wie man heutzutage sagt, rechtlicher Natur.

Nach allem, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte, verläuft die Begründung in etwa so: Wenn eine Erzieherin beim Versuch, die Zecke aus Ihrem Kind zu entfernen, scheitert und beispielsweise der Kopf steckenbleibt, woraufhin sich die Wunde entzündet und womöglich weitere Komplikationen auftreten, könnte diese Erzieherin haftbar gemacht werden und um das zu vermeiden, weisen manche Träger ihr Personal an, die Zecke besser drin zu lassen.

Ja, so habe ich auch geschaut.

Und dann habe ich bei unserem Kindergarten nachgefragt. Und bei anderen Kindergärten. Und mich weiter durchs Internet gelesen. Und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass die Frage, was bei einem Zeckenbiss zu tun ist, wie in Ihrem Fall, tatsächlich keineswegs immer auf die aus meiner Sicht einzig denkbare Antwort („Raus damit und zwar subito!“) hinausläuft – also müssen wir die Geschichte vom Pflaster auf der Zecke wohl glauben.

Es scheint nicht einmal besonders abwegig zu sein, in der Abwägung zwischen der Abwehr von Borreliose und FMSE bei den ihnen anvertrauten Kindern einerseits und der Abwehr möglicher Klagen durch Eltern andererseits, zu einem Ergebnis PRO erhöhtes Infektionsrisiko zu gelangen. So sind die Zeiten.

Natürlich gibt es auch Träger am anderen Ende des Spektrums. Die betrachten gerade das Nicht-Entfernen von Zecken als rechtlich Heikel, weil es aufgrund des damit einhergehenden erhöhten Risikos einer gesundheitlichen Schädigung auch als potenzielle Körperverletzung betrachtet werden kann.

So wird aus der einfachen Ansage „Zecke raus und zwar schnell“ ein komplexes Thema und am Ende stehen die Erzieher nicht nur mit Ihrem Kind und der verdammten Zecke im Wald, sondern auch noch mit einem Haufen ungeklärter Fragen. Vor diesem Hintergrund klingt „Da machen wir jetzt einfach mal ein Pflaster drauf!“ auf einmal überhaupt nicht mehr so absurd, wie ich anfangs dachte.

Und nun?

Ich will ein service-orientierter Erziehungsratgeber sein. Darum bekommen Sie von mir heute nicht nur eine Analyse Ihres Zeckenproblems, sondern auch eine (auf einem Infoblatt der Unfallkasse Baden-Württemberg) basierende Lösung: Lassen Sie die Erzieherinnen und Erzieher Ihres Kindes nicht mit der Verantwortung für den Zeckenbiss und alle möglichen Folgen allein. Nehmen Sie sie ihnen ab. Schreiben Sie auf, was richtig ist.

Klären Sie erstens: Dürfen die Erzieher die Zecke entfernen? Oder sollen sie lieber bei Ihnen anrufen, dass Sie Ihr Kind zum Arzt bringen oder die Sache selber regeln?

Erklären Sie zweitens: Dass Sie die Erzieherinnen und Erzieher nicht in Haftung nehmen, wenn beim (erwünschten) Entfernen einer Zecke etwas schief geht und es zu Komplikationen kommt.

So oder ähnlich werden wir es wohl bei uns im Kindergarten regeln – und unsere Erzieher bei der Gelegenheit auch einmal dafür loben, dass sie es überhaupt schaffen, mit so vielen Kindern an die frische Luft zu gehen.

Wie Sie es schaffen, Ihr Kind auch heute wieder nicht umzubringen, II

„Da Dante annahm, die Hölle bestehe aus neun Kreisen, nehme ich an, Dantes Tage begannen anders als meine. Ich glaube nicht, dass der Dichter mit dem wiederkehrenden To-Do vertraut war, die Brut im Kindergarten abzuliefern. Sonst hätte er gewusst, dass die Hölle im innersten Inneren für Menschen wie mich noch einen weiteren Kreis parat hält: den Morgenkreis. Jeden Morgen muss ich meinen Lukas dort keine Minute später als 8:30 abliefern. Jeden Morgen heißt es deshalb bei uns: Zeter und Mordio. Was soll ich tun, um diesem Teufelskreis zu entkommen?“

„Wenn Sie mit Dante anfangen, will ich bei Dante bleiben. Also schnell zu Wikipedia. Was lese ich da zu den Höllenkreisen? Am Tor zur Hölle prangt ein Schild und auf diesem Schild steht: „Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Man kann den Satz als Drohung lesen: Seht, so schlimm wird es dir in der Hölle ergehen. Man kann ihn aber auch als Rat lesen: Um die Hölle drücken kannst du dich nicht, aber du kannst es dir einfacher machen.

Zur Hoffnung gleich mehr, aber erst noch zwei praktische Tipps von mir.

Erstens: Machen Sie aus dem Morgenkreis kein Drama, denn das Drama lebt von von zwei Merkmalen. Es enthält retardierende Momente und es braucht Hoffnung (!). Zu den retardierenden Momenten gehören Dinge wie: regungslos Hausschuhe anstarren, andere Kinder begrüßen, im Gang hin und herflitzen, sich auf den Boden werfen und so weiter. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Sohn derartige Momente inszeniert. Hoffnung schöpft er daraus, sich an Ihr Bein zu klammern, die Tür zu blockieren, Sie durch Schreien, Kratzen, Spucken in seiner Nähe zu halten oder seine Liebe zu bekunden, also aus allem, was ihn im Dialog mit Ihnen hält. Geben Sie ihm keinen Grund zur Hoffnung.

Tür auf, Kind rein, Tür zu. Fertig.

Zweitens sollten Sie sich ein Beispiel an Ihrem Sohn nehmen. Machen Sie sich das Leben nicht schwerer, als es ist. Sobald Sie Ihren Lukas abgeschoben haben, sollten Sie Ihren Ärger vergessen. Konzentrieren Sie sich auf das Bevorstehende. Ihr Goldstück macht das, seine Bezugspersonen werden es Ihnen beim Abholen später am Tag sicher bestätigen, schließlich auch. Wenn es Ihnen hilft, murmeln Sie in den Minuten nach dem Abschied ein passendes Mantra vor sich hin: „Aus den Augen aus dem Sinn“, „Arbeitszeit ist Egozeit“ oder was auch immer für Sie passt.

Nun zur Hoffnung. Sie fragen, was Sie tun sollen, um diesem Teufelskreis zu entkommen? Die Antwort ist simpel: Sehen Sie einfach der Zeit beim Vergehen zu, denn irgendwann löst sich auch dieses Problem, wie übrigens alle Probleme, von ganz allein. Hätten Sie geschrieben, wie alt Lukas ist, könnte ich Ihnen genau ausrechnen, wie lange Sie noch in Ihrer Hölle aushalten müssen. Da ich aber nicht weiß, wie groß Ihr Kleiner schon ist, kann ich Ihnen nur sagen, wann es mit damit  vorbei sein wird, nämlich am Tag von Lukas‘ Einschulung.

Wenn Sie klug sind, freuen Sie sich nicht zu sehr darauf.“

 

 

Wie Sie es schaffen, Ihr Kind auch heute wieder nicht umzubringen, Teil I

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man seine Meinung auch mal ungefragt mitteilen kann. Und ich verfüge über einen Handapparat voller Familienliteratur. Und ich habe Kinder. Und ich habe dieses Blog. Damit erfülle ich alle Voraussetzungen, die es in der heutigen Zeit dafür braucht, Erziehungsratgeber zu werden und darum bin ich ab sofort: Erziehungsratgeber.

Bevor Sie sich selbst dazu beglückwünschen, in meiner Person endlich eine Quelle für alle Ihre Fragen rund ums Thema Kinder, Erziehung und Ehehygiene gefunden zu haben, der Sie alle Ihre Sorgen offenbaren und der Sie uneingeschränkt vertrauen können, bitte ich Sie, folgenden Hinweis zu beachten: Ich bin kein Erziehungsexperte, sondern lediglich Erziehungsratgeber. Das ist ein Unterschied, an den Sie sich bitte erinnern wollen, wenn Sie beschlossen haben werden, meinen Ratschlägen zu folgen und hinterher mit dem Ergebnis unzufrieden sein sollten.

Was Sie bitte außerdem beachten: Von der Arbeit richtiger Erziehungsexperten unterscheiden sich meine Tipps in einem weiteren wichtigen Punkt, nämlich im Anspruch. Bei den echten Experten geht es in der Regel darum, das Maximum zu erreichen. Fordern und Fördern, Wertschätzung und Gleichwürdigkeit, Resilienz und Rücksichtnahme und obendrauf ein Schuss hygge, Sie kennen das.

Wenn Sie nach dem bestmöglichen Leben mit Ihren Kleinen suchen, sind Sie bei mir aber leider an der falschen Adresse. Bei mir soll es, wie der Titel schon verrät, nicht ums maximal Mögliche gehen, sondern ums Minimum. Um eine Frage, die banal klingt, die sich aber viele Eltern, sei es beim Aus-dem-Bett-holen oder beim Ins-Bett-bringen, beim Anziehen oder Ausziehen, Weg- oder Heimgehen oder den vielen anderen Gelegenheiten, bei denen sich zwischen ihrer Zielsetzung und der ihres Kindes Diskrepanzen aufzeigen, stellen:

Wie schaffe ich es, mein Kind auch heute wieder nicht umzubringen?

Wenn Ihnen diese Frage bekannt vorkommt: Schreiben Sie mir. Schildern Sie mir Ihre Situation und schon dürfen Sie davon ausgehen, von mir belehrt zu werden. Entsprechende Zuschriften werden ab sofort an dieser Stelle beantwortet.

Ja. Nein. Vielleicht.

In meiner Freizeit bin ich Wolf, genauer gesagt: Leitwolf. Diese Aufgabe nehme ich ernst. Ich habe sogar ein Buch dazu gelesen. Es heißt „Leitwölfe sein“. Darin steht, warum Leitwolf sein wichtig ist und wie man es richtig macht.

Soweit ich mich erinnere, ist die Antwort auf die Frage, warum das wichtig ist, einfach (weil die Welpen verlässliche soziale Kontakt brauchen), während die Frage, wie man es richtig macht, wie in guten Ratgebern üblich, zurück an den Leser gespielt wird: Jede für die Optimierung ihres Zusammenlebens in Frage kommende Familie kommt auf ihre eigene Art für die Optimierung ihres Zusammenlebens in Frage. Alle Wölfe sind ok, aber was für ein Wolf der Wolf sein will, muss er schon selber wissen.

Ich habe versucht, das Gelesene umzusetzen. Hier mein Erfahrungsbericht:

Der Teil mit dem ich selbst sein ist easy, das kann jeder. Dass ich ok bin und sie auch, lernen die Welpen schon im Kindergarten. Sie haben sogar schon mal so ein hässliches „Ich bin ich“ gebastelt.

Tricky ist der Teil mit der Verlässlichkeit. Vor allem, wenn ich etwas gefragt werde. Wenn ich etwas erlauben soll, wenn die Anfragen gehäuft eintreffen.

„Papa, dürfen wir uns schminken? Darf ich ein Eis? Dürfen wir auf den Balkon, Fahrrad fahren, ins Schwimmbad, nie mehr in den Kindergarten? Papa, darf ich malen, ein Kleid anziehen, Lego spielen, ein Hörspiel hören?“

Wer hier regelmäßig mitliest, kennt meinen guten Freund Cholo. Mit Cholo verbindet mich eine langjährige Freundschaft und dass diese Freundschaft zu den unkompliziertesten gehört, die ich führe, liegt an Cholos Standardantwort auf Vorschläge und Ideen aller Art. Wer Cholo etwas vorschlägt, darf davon ausgehen, dass seine Antwort lautet: „Das ist eine gute Idee.“

Und dann wird das gemacht.

Ein bisschen scheint Cholos positive Grundhaltung auf mich abgefärbt zu haben. Zumindest will ich das glauben, wenn ich die Standardantwort höre, die mir ohne groß nachzudenken aus dem Bauch heraus tönt, wenn sie mich mit ihren lebensfrohe Äuglein anschauen und ihre vielen, vielen Fragen abfeuern: ja.

Dann fange ich an, darüber nachzudenken. Was bedeutet das jetzt, wenn die das wirklich machen? Nach dem Schminken kommt das Abschminken, mit dem Eis kommen die Wespen, auf dem Balkon ist es zu kalt oder zu warm oder zu sonnig oder zu schattig, außerdem gibt es gleich Essen und abgemacht war doch etwas anderes und überhaupt wird mir das alles viel zu schnell viel zu viel und darum lautet die zweite, etwas wohlüberlegtere Antwort in der Regel: nein.

Dann tun sie mir Leid. So ausgefallen sind ihre Wünsche ja nun auch nicht! Was wäre eine Kindheit ohne Schminke? Fahrpraxis ist auch gut! Irgendetwas müssen wir ja mit unserer Zeit anfangen und außerdem handelt das Buch von Leit- und nicht von Verbotswölfen. Man muss ja nicht jeden Wunsch erfüllen. Man muss abwägen. Sich für eine Sache entscheiden. Gucken, was die anderen wollen. Eine angemessene Lösung finden und wenn uns das gelingt, wenn wir den vernünftigen Rahmen finden, dann gibt es gegen keinen der ohnehin charmant vorgetragenen Wünsche etwas einzuwenden. Es gibt halt keinen Freischein, aber wenn’s passt, warum eigentlich nicht? Darum lautet die dritte Antwort, die ich mir, die ersten beiden revidierend ausdenke, indem ich mir meinen ergrauenden Wolfsbart streiche: vielleicht.

Und so in etwas sage ich das dann auch.

Ob mein Modell nun eins ist, das ich anderen Familien empfehlen möchte? Eher nicht. Was für ein Wolf Sie sind, müssen Sie schon selber herausfinden. Ich jedenfalls bin vielleicht kein besonders entscheidungsfreudiger Wolf, aber immerhin einer, den seine Welpen gut kennen. So gut, dass die mittlerweile, wenn sie mich wegen irgendetwas um Erlaubnis fragen, die zu erwartende Antwort schon selber vorsingen: „Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht.“

Ein Buch schreiben, V

Die gute Nachricht lautet: Das 20-Millionen-Euro-Schreckensszenario kann ich abwenden. Ich muss den Namen der in meinem Buch mitspielenden Oscarpreisträger nicht unbedingt nennen. Ich kann sie auch einfach „Oscarpreisträger“ nennen. Funktioniert ohne schlimme Abstriche bei Plot, Stil oder Ego und sollte, wenn ein Buch daraus wird, jemand anderer Meinung sein, schreibe ich die Namen auch gerne wieder rein.

Aber kaum hat man ein Problem gelöst, kommt das nächste. Bei Ikea an der Kasse wartend, las ich diese Rezension von Kehlmanns neuem Buch „Tyll“. Seither weiß ich, dass eine für meinen Roman nicht nur entscheidende, sondern sogar unersetzliche Szene im neuesten Werk des Erfolgsautors ebenfalls eine nicht zu übersehende Rolle spielt.

Was macht man denn da?

Ich war jung und brauchte das Geld I

Einmal habe ich auf der Bühne gezögert. Das Haus war ausverkauft, das Publikum bereits in voller Fahrt. Etliche waren schon kollabiert und abtransportiert, dabei hatte die Show noch nicht einmal angefangen. Ich sah auf mein Publikum herab, mein Publikum sah zu mir hinauf. Es war vom Kreischen schon ganz rot.

Ich hatte zwar, außer einem großen Besen und einer Rolle Plastiksäcke, nichts im Programm, aber ich wusste ganz genau, was ich zu tun hatte, was von mir verlangt wurde, wofür ich schließlich bezahlt wurde.

Trotzdem zögerte ich.

Das Publikum bestand aus jungen Mädchen. Die meisten von ihnen hatten den ganzen Tag über in der Sonne gewartet, beim Einlass hatten sie miteinander gerangelt, dann hatten sie sich stundenlang gegenseitig an die Bühne gequetscht. Manche mussten dringend Pipi, aber dann würden sie ihren Platz verlieren. Manche ließen das mit dem Trinken einfach sein und manche ließen es einfach laufen, weil sie sich in weiser Voraussicht Windeln angezogen hatten.

Ich blickte in tausende Augen und tausende Augen blickten auf mich. Die armen Mädchen hatten keine Ahnung, wer ich war und was ich da oben wollte. Ich war keiner von denen, die sie sehen wollten, die sie hören wollten, von denen sie, selbst noch Kinder, ein Kind wollten.

Sie hatten das mit dem Kinderwunsch so aufgeschrieben und vieles andere auch, die Briefe, rosa, handgeschrieben, mit Aufklebern verziert, hatten sie genau wie tausende Kuscheltiere, Poesiealben, BHs, Tampons auf die Bühne befördert.

Die Halle fasste zehntausend Mädchen, trotzdem sah sie halbleer aus. Das lag daran, dass diese Mädchen noch so klein waren und dass sie alle nach vorne wollten. Jedes dieser Mädchen hatte sich von seinem Werfobjekt voller Hoffnung getrennt und da lagen sie nun, die dinggewordenen Träume und Phantasien der liebestollen Heranwachsenden.

Mein Job war es, das alles aufzufegen und wegzuräumen. Als mein Zögern vorbei war, setzte das große Heulen ein, aber was weg muss, muss weg.

Später fragte ich den Tour Manager, was mit den Dingen aus dem Sack geschehen würde. Der behauptete, die Kuscheltiere würden dem Kinderheim gespendet. Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Aber was mit den Liebesbriefen geschah, weiß ich genau.

Ich habe sie gelesen. Jeden einzelnen von ihnen. Einer gefiel mir besonders. In meiner Erinnerung rührte er mich zu Tränen und obwohl ich nicht der Adressat war, fühlte ich mich doch angesprochen. Er war in Schönschrift verfasst, bestimmt eine vorbildliche Schülerin, was ich auch dem Umstand entnahm, dass der Brief mit vollständigem Namen signiert war. Es stand auch eine Anschrift dabei. Und eine Telefonnummer! Ich ließ einige Tage verstreichen, dann rief ich unter der angegebenen Nummer an und mit der, die sich am andern Ende antwortete, bin ich noch heute zusammen…

Stimmt natürlich nicht. Gelesen habe ich die Briefe, aber nicht alle und gerührt war ich auch nicht. Gelacht habe ich über die armen Mädchen. Ich habe mir die Zeit während des überaus langweiligen Konzerts damit vertrieben, meinen Kollegen die besten Passagen daraus vorzulesen und die allerbesten Briefe habe ich natürlich nicht der Band ausgehändigt, sondern bei uns in der WG an die Klowand geklebt.