Ein Buch schreiben, VI

Über den Räuber Hotzenplotz hat Susanne Preußler-Bitsch einmal gesagt, ihr Vater habe den nur geschrieben, weil er sich am Krabat „festgeschrieben“ habe. Otfried Preußler habe seiner Verlegerin fürs Frühjahr das Manuskript versprochen, aber um Weihnachten gemerkt, das mit dem Krabat ging nicht. Zumindest nicht so schnell. Also schrieb er eben den Hotzenplotz und zwar in 55 Tagen.

Bei mir ging es um die Weihnachtszeit herum auch nicht recht weiter mit der Geschichte von Leah, Stefan und dem Nichts. Viel gelöscht habe ich und umgeschrieben. Vor allem den Titel, der ja, das weiß der Profi, bis zur Ankündigung der Veröffentlichung nie ein Titel ist, sondern immer nur ein „Arbeitstitel“.

Ich weiß nicht einmal mehr, welcher Arbeitstitel, der Profi spricht übrigens gerne vom „AT“, der aktuelle ist. Ich muss das mal eben nachschauen. Es ist nicht „Leah“ und auch nicht „Nichts“, sondern: „Warum uns deine Mutter verlassen musste und woher das ganze Geld kommt.“

Es gab aber noch einen weiteren Grund, warum es mit Leah und ihrem ganzen Geld vor Weihnachten nicht weiterging und der war, dass ich Kerstin Brömer den Auftrag erteilt hatte, mein Manuskript zu lektorieren. So richtig. Als käme es drauf an. Hat sie dann auch gemacht, aber das geht eben auch nicht von heute auf morgen, sondern dauert ein paar Tage, ich glaube, es waren 55, und während ich auf Kerstins Urteil wartete, fing ich an schon mal an, eine andere Geschichte zu schreiben.

Den AT dieser Geschichte weiß ich auswendig: „Neugier war der Anfang.“

Das durstige Hubbelreh

Heute beim Biken am Rosskopf ein Reh gesehen. Was ja jetzt nicht so ungewöhnlich ist. Ungewöhnlich schien mir zunächst allenfalls der Ort: Direkt vor dem „Hubbelfuchs“-Schild.

Prima Foto, war mein erster Gedanke, denk dir mal einen flotten Spruch dazu aus von wegen Hubbelfuchs/Hubbelreh und gut ist.

Dann fand ich es merkwürdig, dass das Reh es überhaupt nicht eilig zu haben schien. Wo Rehe doch normalerweise, wenn sie einen Menschen treffen, mit zwei, drei Sätzen im Gehölz verschwinden.

Nicht so dieses Reh.

Dieses Reh tüddelte eher vor sich hin. Es hielt zwar Distanz zu mir, aber wirklich wichtig schien es ihm nicht, sich vor mir in Sicherheit zu bringen. Ich überlegte, ob es wohl verletzt war? Schien mir nicht so.

Und dann kam mir ein Gedanke, den ich mit Leuten, die sich besser auskennen als ich, teilte und die mich darin bestätigten: Das Reh wird wohl ziemlich durstig gewesen sein. Es ist ja auch wirklich trocken zur Zeit im Wald.

Ich hoffe schwer, dass es bald mal wieder so richtig regnet!

Erwachsene können nicht weinen

Wer von Freiburg aus in die Ostschweiz fährt, durchquert den Schwarzwald und kann seinen Kindern, damit die nicht spucken, Aufgaben stellen, bei denen sie zum Fenster rausschauen müssen. Zum Beispiel die hier: Wie sieht es im Schwarzwald aus? Wie sieht es in den Alpen aus? Und worin unterscheidet sich die eine von der anderen Landschaft?

Die Kinder betrachten die wechselnde Landschaft so gewissenhaft und ausdauernd, dass ich die Aufgabe, als sie mir ihre Ergebnisse liefern, längst vergessen habe.

„Geräumig.“
„Was?“
„Die Berge hier. Die sind anders als im Schwarzwald. Sie sind geräumig.“

Eine interessante Beschreibung, denke ich. Müsste man mal der Tourismusbehörde vorschlagen, denke ich. Dann hätten die mal ein anderes Adjektiv für ihre Berge als „majestätisch“ oder „atemberaubend“. Geräumig gefällt mir. Ich überlege, ob die Wortwahl damit zusammenhängt, dass wir neulich erst umgezogen und darum allesamt geübt im dechiffrieren von Wohnungsannoncen sind. Ich überlege, ob die Kinder mal in meine Fußstapfen treten und sich Sätze ausdenken werden. Sätze wie: „Geräumige Gebirgskette umständehalber abzugeben.“

Und dann sind wir auch schon da.

Raus aus dem Auto, rein in die Wanderschuhe, Rucksäcke auf und los geht’s. Bei unserem Ausflug handelt es sich um einen Gruppenausflug. „Wandern, Spaß und Entspannung im Schweizer Alpstein.“ Insgesamt zähle ich um die 30 Köpfe, verteilt auf sieben oder acht Familien, eine davon sind wir vier. Wir vier wollen ein bisschen Alpenluft schnuppern, die Kinder an die Bergwelt heranführen, schauen, wie gut wir zusammen im Gebirge klarkommen und ein paar Erinnerungen sammeln, an die wir dann gerne anknüpfen können. Sodass wir in ein paar Jahren dann richtige Bergtouren miteinander unternehmen können.

Ich will außerdem meine neue Jacke ausprobieren.

Wir folgen den weiß-rot-weißen Markierungen und haben reichlich Essen, Trinken und Sonnencreme dabei. Die Alpen kennen die Kinder bislang nur voll Schnee. Skifahren klappt schon ganz gut. Im letzten Skiurlaub kam von der Älteren, die nassgeregnet, vollgeschwitzt und nach offiziellem Ende ihres Kurs mit der Zuversicht eines Sportlers, der sich auch mal selbst einwechselt, einfach wieder hochliftete, die Erklärung, sie habe noch ganz viel Kraft.

Wenn es ums Draußensein und irgendwas machen geht, ist das inzwischen ihr Mantra. Ich hab noch ganz viel Kraft. Sie sagt das nicht nur und sie glaubt das nicht nur: Es stimmt auch.

Mit der Jüngeren verhält es sich so: Ob sie den Weg aus eigener Kraft schafft, wissen wir nicht. Wobei es bei ihr nicht eine Frage des Könnens ist, sondern des Wollens. Deshalb haben sie und ich ein spezielles Arrangement: Sie läuft so lang sie laufen kann. Und wenn sie nicht mehr kann, trage ich sie. Wobei wir nicht tragen sagen, sondern hutzeln. Hutzeln ist, wenn ich das Kind auf meinen Schultern trage. Ich kenne das von meinem Vater. Der hat mich auch immer gehutzelt.

Die Tour geht über drei Tage. Die erste Etappe soll drei Stunden Gehzeit dauern und über 745 Höhenmeter gehen, am zweiten Tag stehen drei Stunden und 462 Höhenmeter an, am dritten wieder drei Stunden und 649 Hömis. Der höchste Berg in der Nachbarschaft ist der Säntis. Egal, wo wir sind, den erkennen wir immer und zwar an seiner Antenne, zu der die Kinder „Rakete“ sagen.

Vier Stunden und ein røggsrødegewagg später müsste die Hütte da hinten um die Ecke das Tal hoch irgendwann demnächst bestimmt bald auftauchen. Kurze Besprechung. Eine aus unserer Gruppe entwickelt eine Formel, mit der wir die auf den Wegweisern angegeben Gehzeiten umrechnen können, sie ist ganz einfach: „Die Zeiten sind für Schweizer Wanderer. Alle anderen brauchen doppelt so lange.“

Da vorne um die Ecke und dann immer geradeaus.

Ich bin zwar in der Schweiz geboren, falle aber trotzdem unter „alle anderen“, was aber weniger an meiner Staatsbürgerschaft liegt, als vielmehr an dem besonderen Arrangement, von dem die Jüngere seit etwa einer halben Stunde Gebrauch macht. Ich teile der Gruppe die Entdeckung des folgenden Naturphänomens mit: Das Wandern mit lebendem Gepäck strenge zwar an, aber trotzdem vergehe die Zeit schneller. Mein Nebenmann findet, die Zeit vergehe normal, aber der Weg werde einfach nicht kürzer.

Eine Stunde später gilt ein neues Arrangement: Wenn die Jüngere nicht mehr weiterkann, trage ich sie – solange, bis ich nicht mehr weiterkann; dann läuft sie wieder. Der Deal ist für beide Seiten in Ordnung. Zwei Stunden später bemerke ich, dass die Intervalle kürzer werden. Drei Stunden später nähern wir uns Sie kann nicht mehr so lange, ich aber auch nicht. Drei Stunden später meldet sich meine innere Uhr. Es ist jetzt achtzehn Uhr. Seit ich Kinder habe heißt das: Abendessen. Vier Stunden später habe ich unser Ziel, die Mesmerhütte, noch immer nicht gesehen.

Sagen wir ruhig, wie es ist: Die von der Jüngeren und mir dargebotene menschliche Pyramide hält sich nicht mehr ganz so gerade wie anfangs. Einmal haben wir bereits einen kleineren Steinschlag ausgelöst. Und ich habe inzwischen die Hände aus den Taschen genommen. Wir bewegen uns gerade irgendwo in der Mitte unserer ziemlich langgezogenen Wanderergruppe und ich erkenne, dass wir uns Schritt für Schritt, die Kinder sagen „dipp dipp dipp“, auf die erste Stelle unseres Weges zubewegen, die alle Attribute vereint, die unseren Weg zu einem Bergweg machen.

Die einschlägigen Vokabeln sind: Trittsicherheit, exponiertes Gelände, Schwindelfreiheit, Absturzgefahr. Wer einen solchen Weg geht, sollte über eine gute körperliche Verfassung verfügen, in der Lage sein, Gefahren zu erkennen und einzuschätzen.

Jetzt heißt es aufpassen. Ich überlege: Soll ich meine Jüngere auf den Abgrund hinweisen? Oder einfach ganz normal mit ihr weitergehen? Ich weiß es nicht, also nehme ich sie an die Hand. Bislang geht sie weiter wie bisher. Sie macht das souverän. Sie achtet auf den Weg, sie setzt ihre Schritte mit Bedacht, sie hat immer einen guten Stand und nimmt den Weg wie er kommt. Kleiner Buddha, schaut weder zurück, noch nach vorn. Noch sind es ein paar Meter, vielleicht merkt sie es ja selbst und thematisiert es von sich aus?

Wie gut kenne ich mein Kind? Nicht gut genug, um einschätzen zu können, was sie als nächstes denkt, sagt oder tut. Ihre Ankündigung kommt für mich vollkommen überraschend, aber so ist das eben:

„Pipi.“
„Jetzt?“
„Ja.“
„Hier?“
„Ja.“

Also hebe ich sie, wie das Eltern mit ihren Töchtern machen, in die Luft und lasse sie in hohem Bogen ins Tal pieseln. Ich weise sie auf einen Wasserfall hin, der uns genau gegenüber liegt und sage, dass sie jetzt gerade auch so ein Wasserfall ist. Das gefällt ihr sichtlich. Sie quietscht vor Vergnügen. Schön hier. Der Wasserfall hört gar nicht mehr auf und ich lobe sie dafür. Das ist ein Zeichen dafür, dass sie viel trinkt, was wichtig ist. Außerdem wird sie so leichter.

Diejenigen, die nach uns gehen, es sind doch nicht mehr so viele wie gedacht, schieben sich an uns vorbei. Sie gehen schon mal vor. Klar. Darunter auch die Ältere und die Mutter. Bei uns dauert es noch ein bisschen, denn die Jüngere hatte noch etwas zu verkündigen: „Kacka.“ Bis wir fertig sind, sind sie alle um die Ecke gebogen und verschwunden. Niemand mehr zu sehen, wir sind allein.

Rechts geht es hoch, links geht es runter, hinter uns Serpentinen, vor uns der exponierte, gesicherte Weg, der Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert und an dem mir nicht, aber auch wirklich gar nichts geräumig vorkommt.

Zeit, dass wir ihn hinter uns lassen.

„Auf geht’s“, sage ich und da schafft es die Jüngere, mich auf ein- und demselben Flecken Alpenschotter zum zweiten Mal zu überraschen. Sie, die eben noch vergnügt quietschend Pipifall spielte, fühlt sich auf einmal, obwohl ich sie fest an der Hand halte, einsam und verlassen und hilflos. Und was macht so ein Menschlein, wenn es einsam und verlassen und hilflos ist?

Es ruft nach seiner Mama.

Das Echo hier im Tal ist beeindruckend. Aber von der Mama ist weit und breit nichts zu sehen. Da fängt das Kind an zu weinen. Vor einigen Wochen habe ich in meiner Eigenschaft als selbsternannter Erziehungsratgeber eine ähnliche Situation wie die beschrieben, in der ich mich jetzt befinde. Es ging um die Frage, was zu tun sein, wenn die Eltern wandern wollen, die Kinder aber nicht. Der Text endet mit einem fiktiven Dialog:

„Warum soll ich zu dieser blöden Hütte wandern?“
„Weil.“

An diese Zeile denke ich nun und bemerke meinen Irrtum. Der fiktive Dialog ist überhaupt keine Hilfe für Eltern, die mit ihren Kindern den Berg hochwollen und das liegt nicht am Inhalt oder der Form des Gesagten, sondern schon an der Grundannahme. Dass ein Dialog überhaupt stattfindet. Hier jedenfalls ist nicht mit Dialog. Hier ist kein Fragen, kein Verhandeln, kein Erklären. Hier ist nur, fest und majestätisch wie die Berge, die uns umgeben, ein Statement: Sie wünscht, jetzt nicht mehr weiter zu gehen.

Von mir hat sie das nicht.

Wer in den Alpen unterwegs ist, kann man an jeder Hütte lesen, soll die eigenen Kräfte kennen. Safety first. Im Zweifelsfall lieber auf die Tour verzichten. Ich würde dem Rat ja folgen. Ich würde sogar sehr gern ich auf den zweiten Teil der Reise verzichten, aber wie macht man das?

Also mache ich das einzige, was ich jetzt machen kann. Ich lasse das Kind brüllen und weinen, ich schaue auf den Weg vor mir, auf dem immer mal wieder einzelne Teilnehmer unserer Familienwanderung auftauchen, ich warte, bis ich die Mutter des Kindes erkenne und mache, als ich sei erkenne, diese international bekannte Geste, mit der man, die Arme auf Bauchhöhe vor dem Körper verschränken und dann die Hände umeinander kreisend, signalisieren kann, dass man bitte ausgewechselt werden möchte.

Die Mutter sieht mich, sie versteht mich, sie quittiert meinen Wunsch, indem sie mit den Fingerspitzen die höchste Stelle ihres Kopfes berührt. Das ist Tauchersprache und heißt: ok.

Sind wir nicht ein tolles Team?

Die Mutter und die Ältere drehen um, sie kommen zu uns zurück. Wir tauschen die Kinder und ich gehe vom Platz. Wobei vom Platz gehen hier gleichbedeutend ist mit: in die Wand.

„Geräumiger Abgrund umständehalber abzugeben“, denke ich, behalte den Scherz aber lieber für mich. Stattdessen befehle ich der Älteren, die Hand nicht von dem Drahtseil zu lassen, das am Wegesrand in den Stein geschraubt ist. Die Ältere ist wissbegierig. Sie stellt Fragen, immer stellt sie Fragen. Obwohl sie immer die gleiche Antwort bekommt. Warum muss ich mich festhalten? Weil. Warum bist du so langsam? Weil. Warum schaust du so komisch? Weil.

Kinder haben: Eben träumst du noch davon, ob sie eines Tages in deine Fußstapfen treten und jetzt flehst du sie an, dir nicht davonzurennen.

Ich überlege, ob ich meine Meinung, dass jetzt nicht der beste Moment ist, ein Gespräch über Höhenangst zu führen, revidieren soll? Ich lasse es lieber, fange aber doch an, meine Antworten etwas auszuführen. Was die Stimmung auch nicht gerade verbessert. Sie kann ja wohl schon laufen. Sie muss sich ja wohl nicht festhalten. Sie ist ja wohl schon oft hingefallen. Das macht ja wohl nichts. Ich soll mich mal nicht so anstellen.

Sie hat noch ganz viel Kraft – ich bin gemein.

Ich schaue nach unten. Diese Aussicht! Atemberaubend. Ich schaue nach hinten. Dort ist noch immer Sitzstreik. Ich schaue nach vorn. Ein paar Meter noch geht es so weiter wie hier, dann geht es ums Eck. Was danach kommt, weiß ich nicht. Fels, vermutlich, Geröll, ein paar versprengte Wandersleute und dahinten, irgendwo, ein Bett für die Nacht.

Ich will nicht mehr.

Lasst mich einfach hier liegen.

 

Morgens gegen elf

Wenn ich morgens gegen elf anderer Leute Schwärmereien über einen mir bislang unbekannten Käse lese, habe ich keine Ruhe, bis der Käse aufgetrieben und verzehrt wurde.

Was jetzt, beim Fall Stracchino, genau drei Tage dauerte. Hier die Zusammenfassung: Meine erste Wahl für italienischen Käse ist ein Stand am Freiburger Münstermarkt*, an dem ich samstags gerne Gorgonzola hole, aber bis Samstag konnte ich nicht warten. Also die Käseläden in der Schusterstraße und der Münzgasse angesteuert. In der Schusterstraße kannten sie den Käse immerhin und schickten mich zum Primo, einem italienischen Feinkostladen. Dort gab Schinken und Wein, aber keinen Stracchino.

Damit war Freiburg erst einmal abgeklappert.

Aber schließlich kommt man aus dem Dreiländereck und was für andere exzentrisch klingen mag, ist hier normal: Am gleichen Tag in Deutschland, der Schweiz und Frankreich einzukaufen. Also ab nach Basel und tatsächlich: Dort gab es den Käse (bei Manor).

Dazu, wie das Panino, für den ich den Käse brauchte, zubereitet wird und wie es schmeckt, sage ich nichts. Das haben andere besser getan. Von mir nur soviel dazu: Alles korrekt, schmeckt prima, der Einsatz hat sich gelohnt. Vor allem, da ich mein Panino mit einem Schuss desjenigen Pfeffers verfeinert habe, von dem ich Anfang des Jahres gelesen habe, wie gut der schmecken soll (ich weiß nicht mehr wo, bin mir aber recht sicher, wann ich den Pfeffer-Artikel gelesen habe; es muss morgens gegen elf gewesen sein).

Panini mit Stracchino, Schinken, Rucola und Pfeffer: Wird es wieder geben.

* „Am Freiburger Monstermarkt“ #Autokorrektur

 

Pedal the world

Pedal the World“ geschaut. Sehr inspirierend. Eine Weltreise werde ich jetzt zwar nicht direkt starten, aber dafür gab’s heute gleich mal was Neues zum Abendessen und weil’s sicher mal wieder zubereitet wird, hat das Gericht auch gleich einen Namen bekommen: Ei unnäh Paprika.

Ja. Nein. Vielleicht.

In meiner Freizeit bin ich Wolf, genauer gesagt: Leitwolf. Diese Aufgabe nehme ich ernst. Ich habe sogar ein Buch dazu gelesen. Es heißt „Leitwölfe sein“. Darin steht, warum Leitwolf sein wichtig ist und wie man es richtig macht.

Soweit ich mich erinnere, ist die Antwort auf die Frage, warum das wichtig ist, einfach (weil die Welpen verlässliche soziale Kontakt brauchen), während die Frage, wie man es richtig macht, wie in guten Ratgebern üblich, zurück an den Leser gespielt wird: Jede für die Optimierung ihres Zusammenlebens in Frage kommende Familie kommt auf ihre eigene Art für die Optimierung ihres Zusammenlebens in Frage. Alle Wölfe sind ok, aber was für ein Wolf der Wolf sein will, muss er schon selber wissen.

Ich habe versucht, das Gelesene umzusetzen. Hier mein Erfahrungsbericht:

Der Teil mit dem ich selbst sein ist easy, das kann jeder. Dass ich ok bin und sie auch, lernen die Welpen schon im Kindergarten. Sie haben sogar schon mal so ein hässliches „Ich bin ich“ gebastelt.

Tricky ist der Teil mit der Verlässlichkeit. Vor allem, wenn ich etwas gefragt werde. Wenn ich etwas erlauben soll, wenn die Anfragen gehäuft eintreffen.

„Papa, dürfen wir uns schminken? Darf ich ein Eis? Dürfen wir auf den Balkon, Fahrrad fahren, ins Schwimmbad, nie mehr in den Kindergarten? Papa, darf ich malen, ein Kleid anziehen, Lego spielen, ein Hörspiel hören?“

Wer hier regelmäßig mitliest, kennt meinen guten Freund Cholo. Mit Cholo verbindet mich eine langjährige Freundschaft und dass diese Freundschaft zu den unkompliziertesten gehört, die ich führe, liegt an Cholos Standardantwort auf Vorschläge und Ideen aller Art. Wer Cholo etwas vorschlägt, darf davon ausgehen, dass seine Antwort lautet: „Das ist eine gute Idee.“

Und dann wird das gemacht.

Ein bisschen scheint Cholos positive Grundhaltung auf mich abgefärbt zu haben. Zumindest will ich das glauben, wenn ich die Standardantwort höre, die mir ohne groß nachzudenken aus dem Bauch heraus tönt, wenn sie mich mit ihren lebensfrohe Äuglein anschauen und ihre vielen, vielen Fragen abfeuern: ja.

Dann fange ich an, darüber nachzudenken. Was bedeutet das jetzt, wenn die das wirklich machen? Nach dem Schminken kommt das Abschminken, mit dem Eis kommen die Wespen, auf dem Balkon ist es zu kalt oder zu warm oder zu sonnig oder zu schattig, außerdem gibt es gleich Essen und abgemacht war doch etwas anderes und überhaupt wird mir das alles viel zu schnell viel zu viel und darum lautet die zweite, etwas wohlüberlegtere Antwort in der Regel: nein.

Dann tun sie mir Leid. So ausgefallen sind ihre Wünsche ja nun auch nicht! Was wäre eine Kindheit ohne Schminke? Fahrpraxis ist auch gut! Irgendetwas müssen wir ja mit unserer Zeit anfangen und außerdem handelt das Buch von Leit- und nicht von Verbotswölfen. Man muss ja nicht jeden Wunsch erfüllen. Man muss abwägen. Sich für eine Sache entscheiden. Gucken, was die anderen wollen. Eine angemessene Lösung finden und wenn uns das gelingt, wenn wir den vernünftigen Rahmen finden, dann gibt es gegen keinen der ohnehin charmant vorgetragenen Wünsche etwas einzuwenden. Es gibt halt keinen Freischein, aber wenn’s passt, warum eigentlich nicht? Darum lautet die dritte Antwort, die ich mir, die ersten beiden revidierend ausdenke, indem ich mir meinen ergrauenden Wolfsbart streiche: vielleicht.

Und so in etwas sage ich das dann auch.

Ob mein Modell nun eins ist, das ich anderen Familien empfehlen möchte? Eher nicht. Was für ein Wolf Sie sind, müssen Sie schon selber herausfinden. Ich jedenfalls bin vielleicht kein besonders entscheidungsfreudiger Wolf, aber immerhin einer, den seine Welpen gut kennen. So gut, dass die mittlerweile, wenn sie mich wegen irgendetwas um Erlaubnis fragen, die zu erwartende Antwort schon selber vorsingen: „Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht. Ja, nein, vielleicht.“

Ein Buch schreiben, V

Die gute Nachricht lautet: Das 20-Millionen-Euro-Schreckensszenario kann ich abwenden. Ich muss den Namen der in meinem Buch mitspielenden Oscarpreisträger nicht unbedingt nennen. Ich kann sie auch einfach „Oscarpreisträger“ nennen. Funktioniert ohne schlimme Abstriche bei Plot, Stil oder Ego und sollte, wenn ein Buch daraus wird, jemand anderer Meinung sein, schreibe ich die Namen auch gerne wieder rein.

Aber kaum hat man ein Problem gelöst, kommt das nächste. Bei Ikea an der Kasse wartend, las ich diese Rezension von Kehlmanns neuem Buch „Tyll“. Seither weiß ich, dass eine für meinen Roman nicht nur entscheidende, sondern sogar unersetzliche Szene im neuesten Werk des Erfolgsautors ebenfalls eine nicht zu übersehende Rolle spielt.

Was macht man denn da?

Ich war jung und brauchte das Geld I

Einmal habe ich auf der Bühne gezögert. Das Haus war ausverkauft, das Publikum bereits in voller Fahrt. Etliche waren schon kollabiert und abtransportiert, dabei hatte die Show noch nicht einmal angefangen. Ich sah auf mein Publikum herab, mein Publikum sah zu mir hinauf. Es war vom Kreischen schon ganz rot.

Ich hatte zwar, außer einem großen Besen und einer Rolle Plastiksäcke, nichts im Programm, aber ich wusste ganz genau, was ich zu tun hatte, was von mir verlangt wurde, wofür ich schließlich bezahlt wurde.

Trotzdem zögerte ich.

Das Publikum bestand aus jungen Mädchen. Die meisten von ihnen hatten den ganzen Tag über in der Sonne gewartet, beim Einlass hatten sie miteinander gerangelt, dann hatten sie sich stundenlang gegenseitig an die Bühne gequetscht. Manche mussten dringend Pipi, aber dann würden sie ihren Platz verlieren. Manche ließen das mit dem Trinken einfach sein und manche ließen es einfach laufen, weil sie sich in weiser Voraussicht Windeln angezogen hatten.

Ich blickte in tausende Augen und tausende Augen blickten auf mich. Die armen Mädchen hatten keine Ahnung, wer ich war und was ich da oben wollte. Ich war keiner von denen, die sie sehen wollten, die sie hören wollten, von denen sie, selbst noch Kinder, ein Kind wollten.

Sie hatten das mit dem Kinderwunsch so aufgeschrieben und vieles andere auch, die Briefe, rosa, handgeschrieben, mit Aufklebern verziert, hatten sie genau wie tausende Kuscheltiere, Poesiealben, BHs, Tampons auf die Bühne befördert.

Die Halle fasste zehntausend Mädchen, trotzdem sah sie halbleer aus. Das lag daran, dass diese Mädchen noch so klein waren und dass sie alle nach vorne wollten. Jedes dieser Mädchen hatte sich von seinem Werfobjekt voller Hoffnung getrennt und da lagen sie nun, die dinggewordenen Träume und Phantasien der liebestollen Heranwachsenden.

Mein Job war es, das alles aufzufegen und wegzuräumen. Als mein Zögern vorbei war, setzte das große Heulen ein, aber was weg muss, muss weg.

Später fragte ich den Tour Manager, was mit den Dingen aus dem Sack geschehen würde. Der behauptete, die Kuscheltiere würden dem Kinderheim gespendet. Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Aber was mit den Liebesbriefen geschah, weiß ich genau.

Ich habe sie gelesen. Jeden einzelnen von ihnen. Einer gefiel mir besonders. In meiner Erinnerung rührte er mich zu Tränen und obwohl ich nicht der Adressat war, fühlte ich mich doch angesprochen. Er war in Schönschrift verfasst, bestimmt eine vorbildliche Schülerin, was ich auch dem Umstand entnahm, dass der Brief mit vollständigem Namen signiert war. Es stand auch eine Anschrift dabei. Und eine Telefonnummer! Ich ließ einige Tage verstreichen, dann rief ich unter der angegebenen Nummer an und mit der, die sich am andern Ende antwortete, bin ich noch heute zusammen…

Stimmt natürlich nicht. Gelesen habe ich die Briefe, aber nicht alle und gerührt war ich auch nicht. Gelacht habe ich über die armen Mädchen. Ich habe mir die Zeit während des überaus langweiligen Konzerts damit vertrieben, meinen Kollegen die besten Passagen daraus vorzulesen und die allerbesten Briefe habe ich natürlich nicht der Band ausgehändigt, sondern bei uns in der WG an die Klowand geklebt.