Wie war’s in Berlin?

„Sind wir in Berlin?“
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Ehrenwort?“
„Ehrenwort.“
„Großes Ehrenwort?“
„Wieso fragst du eigentlich?“
„Ich weiß nicht, ob wir in Berlin sind. Ich fühl’ mich nicht so.“

Berlin: „Ich fühl‘ mich aber nicht so.“

Wir sind aber in Berlin. Kurzurlaub. Freunde treffen, mit dem Schiff über die Spree, mal ins Museum und, ganz wichtig, weil, sonst kann man’s ja gleich lassen, aufschreiben, wie es in Berlin ist.

Aufschreiben, wie es in Berlin ist. Das wollte ich schon mal. Sieben Jahre hatte ich dafür Zeit. Geschrieben habe ich: nichts. Zumindest nichts, was fertig geworden wäre. Was ja streng genommen auch nicht verwunderlich ist, denn wie soll man je mit einem Bericht über etwas fertig werden, was selber nicht fertig wird?

Daher nun also der Versuch im Kleinen: Drei Tage sind überschaubar. Ein Bericht über drei Tage Berlin, das müsste doch zu schaffen sein. Vor allem, wenn man, wie ich, einen Plan hat. Der Plan lautet, gar nicht erst versuchen, mir selbst Gedanken über diese Stadt zu machen. Ich würde einfach ab- und aufschreiben, was die andern von sich geben. Vor allem Hauptsätze, in denen es irgendwie um Berlin geht. Die würde ich sammeln, in eine lustige Reihenfolge bringen und fertig wäre meine Collage „Berlin, Fronleichnam 2017.“

„Natürlich bin ich hart, wir sind ja in Berlin. Berlin ist schon vor Jahren auf den Hund gekommen. Im ersten Quartal dieses Jahres sind deutlich mehr Berliner Unternehmen in die Insolvenz gegangen als im Vorjahreszeitraum.“

So in der Art. Das ist jetzt noch nicht der Burner, aber wir sind ja auch gerade erst angekommen. Da kommen bestimmt noch mehr Sätze. Man muss die gar nicht lange suchen und das Ergebnis würde sich wie von selbst einstellen, meine Textcollage würde so vielfältig, widersprüchlich und unterhaltsam wie die Stadt selbst.

Damit wäre dieses nervige To-Do „Das mit Berlin aufschreiben“ endlich, endlich abgehakt, ich könnte meinen Frieden machen mit der Stadt und hätte das restliche Wochenende frei.

„Wie fühlt man sich denn in Berlin?“
„Ich weiß nicht? Irgendwie: glücklich? Aber ich fühl’ mich nicht so.“

Ich schaue meine Tochter an. Hat die gerade mal eben so meinen Job erledigt?

Das große Versprechen „Berlin“, der hoffnungsvolle Aufbruch, all die Möglichkeiten und die Ernüchterung, weil niemand der Stadt jemals ebenbürtig sein wird, die Erkenntnis, dass ich mich durch Anwesenheit in Berlin nicht automatisch in eine bessere, eine glücklichere Version meiner selbst verwandele, die Zweifel an der Stadt, die Zweifel an sich selbst, die Zweifel an sich selbst in dieser Stadt.

All das hat sie gerade in ein paar kurze Sätze gepackt.

„Berlin. Jetzt bin ich hier und weiß nicht: Ist das richtig, so?“ Wie viele Menschen das wohl gerade denken?

Selbst wenn ich noch sieben Jahre über dem ultimativen Berlintext brüte, besser und vor allem konziser als meine Große es bei ihrem allerersten Aufenthalt in Berlin ausdrückt, bekomme ich das nicht hin.

Meine Arbeit hier ist getan.

Der Rest ist: Mal ins Museum, mit dem Schiff über die Spree und, ganz wichtig: Freunde treffen. Letzteres funktioniert übrigens ganz unabhängig von der Frage, ob wir uns jetzt in Berlin befinden oder im Tessin oder in Riga und ist vielleicht nicht immer die Abkürzung zum großen Glück, hilft mir aber immerhin dabei, mal wieder ganz albern zu kichern – und mehr braucht es dann eigentlich auch gar nicht.

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