Kinder II

Zuerst meinte ich, mich verhört zu haben. Was das sein soll: ein Klowärter? War das ein neuer Beruf und sollte es in Zeiten akuten Erziehermangels ausgerechnet unserem Kindergarten gelungen sein, einen solchen Klowärter zu rekrutieren? Und was macht so ein Klowärter eigentlich den ganzen Tag.

Also nachgefragt und tatsächlich, ich hatte mich verhört. Nicht einen Klowärter gibt es im Kindergarten, sondern Klowörter. Wissen Sie, was Klowörter sind? Ich musste es mir erklären lassen. Klowörter sind Wörter, die im Zusammenhang mit allem stehen, was man so auf dem Klo erlebt. Und Klowörter sind verboten. Streng verboten.

Mich erinnert das daran, wie ein mir nahestehendes Kind einmal einen Passanten, einen fremden Mann, der zufällig unseren Weg kreuzte, zurechtwies. So etwas sage man nicht. Es ging um ein Wort, das der Missetäter verwendet hat, welches es war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber noch, dass er einigermaßen perplex geschaut hat. Was auch dem mir nahestehenden Kind auffiel, welches daraufhin die Erklärung nachschob: „Das haben wir verbrannt.“

Auch da musste ich nachfragen. So fand ich heraus, dass im zuständigen Kindergarten, einem Waldkindergarten übrigens, alle unerwünschten Wörter auf Zettel geschrieben und diese Zettel den Flammen übergeben worden waren.

Ich bin kein Pädagoge, sondern nur einfacher Papa, aber mit Wörtern kenne ich mich aus. Ich weiß zum Beispiel, dass es einen Unterschied gibt zwischen „Wörtern“ und „Worten“. Und ich weiß, dass es sehr schwierig sein kann, das richtige Wort zu finden.

Ich weiß auch, dass das schon Mark Twain wusste, der gesagt haben soll: „The difference between the right word and the almost right word is like the difference between lightning and a lightning bug.“

Und ich weiß, dass es Momente gibt, wo der Blitz nur mit Hilfe eines Klowortes einschlägt.

Wenn meine Kinder neue Wörter mit nach Hause bringen, halte ich es daher mit dem lieben Gott, über den der Kaiser, anlässlich der Geburt seines aus einer außerehelichen Affäre geborenen Kindes, zu sagen wusste, er freue sich über jedes neue Menschenkind.

Bei uns werden neue Wörter nicht verbrannt, sie werden gefeiert. Das heißt natürlich auch, die Brut permanent darauf hinzuweisen, dass sie ihre Worte besser wählen kann. Wie neulich auf dem Campingplatz:

„Pass’ auf, die Mauer!“
„Nicht aus der Hängematte stürzen!“
„Fahr’ die anderen Camper nicht über den Haufen!“
„Schneide dich nicht mit dem Messer!“

Für Eltern ist so ein Campingplatz ein Ort der Gefahren, die Kinder davor laut und wiederholt zu warnen, ist oberste Campingplatzbeschäftigung. Die Kinder jedoch sehen nicht die Gefahr, sie haben einfach nur Spaß und auf Warnrufe reagieren sie mit der immer gleichen Replik.

„Ach was, Papi“, sagen sie, wohl wissend, dass sie heute schon rückwärts die Mauer hinunter gestürzt sind, beim Einsteigen die Hängematte verfehlt und den Boden getroffen und schon mindestens einen Nachbarn auf dem Gewissen haben.

„Ach was, Papi.“

Jetzt sitzen sie mit baumelnden Beinen auf besagter Mauer und schnitzen. So ein Schnitzmesser muss scharf sein, sonst geht das nicht. Wer sich mit so einem Messer in den Finger schneidet, spürt es nicht einmal. Man bemerkt die Verletzung erst, wenn man das Blut sieht. Scharf wie ein Skalpell, unsere Schnitzmesser. All das hatte die Verkäuferin gesagt und uns zu den zwei Messern zwei Handvoll Pflaster in die Tüte gepackt. Sie werden’s brauchen, hatte sie gesagt.

„Ach was, Papi.“

„Wie wäre es stattdessen mit: Vielen Dank für den Hinweis, Papi?“

Wie gesagt, ich bin kein Pädagoge. Ich bin nur ein ganz normaler Papa mit ganz normalen Sorgen und ganz normalen Vorschlägen. Die meisten davon laufen ins Leere. Aber mit Wörtern kenne ich mich aus und siehe, es klappt. Mein Vorschlag wird angenommen.

Sogar sehr gut.

Es kann so einfach sein: Meine Kinder haben die falschen Worte verwendet, ich habe sie darauf hingewiesen, dass es bessere Worte gibt und jetzt sitzen sie da mit ihren Kinderskalpellen und ihren spitzer werdenden Stöcken, schnitzen emsig vor sich hin und kichern dazu im Kanon:

„Vielen Dank für den Hinweis, Papi! Vielen Dank für den Hinweis Papi! Vielen Dank für den Hinweis, Papi.“ (repeat and fade out)

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