WSeahwsIKnu, IX

Heute fragt mal nicht ein Erziehungsberechtigter, sondern ein Erziehungsbetroffener: „Warum darf ich Jogi Löw nicht anquatschen?“

Um herauszufinden, ob es für Jogi Löw, der, wie all Freiburger wissen, gerne und oft in den hiesigen Cafés herumsteht (niemals sitzt er, immer steht er), ok ist, einfach so angequatscht zu werden, müsste man ihn schon fragen. Dazu müsste man ihn aber erst einmal anquatschen.

Aber was käme dabei wohl für eine Unterhaltung raus?

Ich: „Darf man Sie eigentlich anquatschen?“
Jogi Löw: „Nein.“
Ich: „Danke.“

Oder so:

Ich: „Darf man Sie mal anquatschen?“
Jogi Löw: „Ja.“
Ich: „Danke.“
Jogi Löw: „Und?“
Ich: „Nix und. Das war’s schon.“

Das fände ich unter meinem Niveau. Darum lasse ich es lieber und beschränke mich aufs Spekulieren, was mir deshalb leicht fället, weil Jogi Löw ein vergleichbares Schicksal teilen.

Bei mir ist das nämlich so: Ich kann mir Gesichter nicht so gut merken.

Ein Beispiel. Ich kenne meine Friseurinnen. Ich kenne auch meine Kassiererinnen beim Supermarkt. Solange alle wie erwartet an ihrem Platz sind, wenn ich sie treffe, erkenne ich sie nicht nur korrekt wieder, ich kann sogar nahtlos mit ihnen da weiterplaudern, wo wir beim letzten Mal aufgehört haben.

Aber jetzt kommt’s: Werde ich, wie neulich geschehen, an der Kasse im Supermarkt von meiner Friseurin angesprochen, finde ich die Verbindung nicht. Ich schaffe es dann zwar, alle an mich gestellten Fragen grammatisch korrekt zu beantworten, bin aber, wenn es wieder vorbei ist, was in solchen Fällen üblicherweise recht schnell geschieht, doch froh, dass keine Kameras dabei waren.

Und das ist es, was mich mit Jogi Löw verbindet.

Nicht falsch verstehen, ich behaupte nicht, dass sich Jogi Löw einen auffälligen Umgang mit Kassiererinnen oder Friseurinnen pflegt. Vermutlich ist das Gegenteil richtig. Ich nehme an, Jogi Löw gibt sich auch gegenüber Kassiererinnen und Friseurinnen als der Mann von Welt, den wir alle kennen.

Was uns beide verbindet, ist etwas anderes: Wenn wir uns durch Freiburg bewegen, müssen wir davon aus, dass uns alle kennen.

Was in meinem Fall dazu führt, dass ich grundsätzlich alle Leute, die mir in dieser Stadt über den Weg laufen erst einmal so anschaue, als hätten sie mir schon mal in den Haaren herumgewuschelt oder wüssten, was es bei mir morgens zum Frühstück gibt.

Dafür, dass das bei Jogi Löw anders sein sollte, habe ich keinen Grund zur Annahme. Im Gegenteil. Denn was an ihm auffällt ist, dass er sich keinerlei Mühe gibt, sich zu verstecken oder zu verkleiden. Es gibt nur ein Jogi Löw und der sieht immer gleich aus (und verbringt wirklich sehr viel Zeit in Freiburger Cafés und zwar immer in den gleichen und immer zur gleichen Uhrzeit, was den Bundestrainer, wie mir gerade auffällt, eigentlich für eine lose Bekanntschaft mit mir prädestiniert.)

Du fragst, warum du ihn nicht anquatschen darfst und meine Antwort lautet: Natürlich darfst du ihn anquatschen. Es ist ja nicht verboten. Es kann aber halt passieren, dass du, siehe oben, mit der daraus resultierenden Unterhaltung nicht zufrieden sein wirst. Daher rate ich dir, lass das mit dem Anquatschen lieber sein.

Besser als dich beim Bundestrainer ins Gespräch zu bringen ist es, vom Bundestrainer ins Gespräch gebracht zu werden. Überlege dir anstatt ihn anzuquatschen lieber, wie du Jogi Löw dazu bringen kannst, dass er dich anquatscht. So schwer dürfte das eigentlich gar nicht sein. Aus meiner Sicht gibt es dafür im Moment zwei mögliche Wege. Entweder versuchst du, ein begnadetes Café zu eröffnen. Oder du wirst halt Mittelfeldregisseur.