Wie Sie es schaffen, Ihr Kind auch heute wieder nicht umzubringen, II

„Da Dante annahm, die Hölle bestehe aus neun Kreisen, nehme ich an, Dantes Tage begannen anders als meine. Ich glaube nicht, dass der Dichter mit dem wiederkehrenden To-Do vertraut war, die Brut im Kindergarten abzuliefern. Sonst hätte er gewusst, dass die Hölle im innersten Inneren für Menschen wie mich noch einen weiteren Kreis parat hält: den Morgenkreis. Jeden Morgen muss ich meinen Lukas dort keine Minute später als 8:30 abliefern. Jeden Morgen heißt es deshalb bei uns: Zeter und Mordio. Was soll ich tun, um diesem Teufelskreis zu entkommen?“

„Wenn Sie mit Dante anfangen, will ich bei Dante bleiben. Also schnell zu Wikipedia. Was lese ich da zu den Höllenkreisen? Am Tor zur Hölle prangt ein Schild und auf diesem Schild steht: „Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Man kann den Satz als Drohung lesen: Seht, so schlimm wird es dir in der Hölle ergehen. Man kann ihn aber auch als Rat lesen: Um die Hölle drücken kannst du dich nicht, aber du kannst es dir einfacher machen.

Zur Hoffnung gleich mehr, aber erst noch zwei praktische Tipps von mir.

Erstens: Machen Sie aus dem Morgenkreis kein Drama, denn das Drama lebt von von zwei Merkmalen. Es enthält retardierende Momente und es braucht Hoffnung (!). Zu den retardierenden Momenten gehören Dinge wie: regungslos Hausschuhe anstarren, andere Kinder begrüßen, im Gang hin und herflitzen, sich auf den Boden werfen und so weiter. Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Sohn derartige Momente inszeniert. Hoffnung schöpft er daraus, sich an Ihr Bein zu klammern, die Tür zu blockieren, Sie durch Schreien, Kratzen, Spucken in seiner Nähe zu halten oder seine Liebe zu bekunden, also aus allem, was ihn im Dialog mit Ihnen hält. Geben Sie ihm keinen Grund zur Hoffnung.

Tür auf, Kind rein, Tür zu. Fertig.

Zweitens sollten Sie sich ein Beispiel an Ihrem Sohn nehmen. Machen Sie sich das Leben nicht schwerer, als es ist. Sobald Sie Ihren Lukas abgeschoben haben, sollten Sie Ihren Ärger vergessen. Konzentrieren Sie sich auf das Bevorstehende. Ihr Goldstück macht das, seine Bezugspersonen werden es Ihnen beim Abholen später am Tag sicher bestätigen, schließlich auch. Wenn es Ihnen hilft, murmeln Sie in den Minuten nach dem Abschied ein passendes Mantra vor sich hin: „Aus den Augen aus dem Sinn“, „Arbeitszeit ist Egozeit“ oder was auch immer für Sie passt.

Nun zur Hoffnung. Sie fragen, was Sie tun sollen, um diesem Teufelskreis zu entkommen? Die Antwort ist simpel: Sehen Sie einfach der Zeit beim Vergehen zu, denn irgendwann löst sich auch dieses Problem, wie übrigens alle Probleme, von ganz allein. Hätten Sie geschrieben, wie alt Lukas ist, könnte ich Ihnen genau ausrechnen, wie lange Sie noch in Ihrer Hölle aushalten müssen. Da ich aber nicht weiß, wie groß Ihr Kleiner schon ist, kann ich Ihnen nur sagen, wann es mit damit  vorbei sein wird, nämlich am Tag von Lukas‘ Einschulung.

Wenn Sie klug sind, freuen Sie sich nicht zu sehr darauf.“