Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen VIII

„Ich würde die vielen schönen Sommertage gerne nutzen, um mit meinem Sohn viele schöne Dinge zu erleben. Allerdings liegt unser Kindergarten direkt neben der Eisdiele. Darum gibt es bei uns Sommer sehr oft nur in zwei Varianten: Entweder gehen wir Eis essen – oder es gibt ein Affentheater. Wie können wir mehr Abwechslung in unseren Sommer bringen?“

Sie haben da einen Sohn erhalten, der sehr gut in die heutige Zeit passt. Nicht weniger als drei momentan sehr populäre Manöver erkenne ich auf Anhieb.

Erstens pickt er aus der Vielzahl schöner Dinge, die er gemeinsam mit Ihnen erleben (oder um die er sich Gedanken machen) könnte, ein einzelnes heraus. Auf das kommt er immer wieder zu sprechen und darin ist er so festgefahren, dass er an nichts anderes denken kann. Und Sie werden davon, ob Sie es wollen oder nicht, mitgerissen. Er betreibt also Agendasetting und das offensichtlich mit einigem Erfolg.

Zweitens spitzt Ihr Sohn sein Thema so zu, dass es scheinbar nur zwei Möglichkeiten gibt: Eis essen oder Affentheater. Und Sie sollen sich entscheiden: Sind Sie mit ihm oder gegen ihn? So geht Polarisierung.

Drittens verschiebt Ihr Sohn, indem er sein Affentheater aufführt, Sie dabei vielleicht als Rabenvater dastehen lässt oder Ihre gute Absicht in Abrede stellt oder Sie beleidigt, die so genannten Grenzen des Sagbaren. Ich nehme an, Sie haben schon an sich selbst festgestellt, wohin das führt: Sagen Sie Dinge, die Sie nie sagen wollten? Schämen Sie sich dafür? Oder schämen Sie sich schon nicht mehr dafür?

Agendasetting, Polarisierung, Grenzen verschieben: Diese drei Manöver sind leicht durchschaubar. Das ändert aber nichts daran, dass sie wirken. Und dass Sie sich dem unbedingt entgegenstellen sollten. Denn es geht hier um sehr viel mehr als die Frage, wie Sie einen abwechslungsreichen Sommer erleben. Es geht um Folgendes: Lassen Sie Ihren Sohn mit seinem Verhalten durchkommen, finden Sie sich irgendwann in der Rolle desjenigen wieder, der ihm mit zwei Schritten Abstand überall hin zu folgen und dabei sein kleines Atomköfferchen startklar zu halten hat.

In so einer Welt wollen Sie nicht leben und ich will das auch nicht. Tun Sie uns allen den Gefallen, und verhindern Sie, dass Ihr Sohn das für normal hält.

Wie Ihnen das gelingen kann, kann ich Ihnen nicht sagen (ich bin bekanntlich kein Experte). Das müssen Sie also selber herausfinden, genau wie alle anderen. Ich kann Ihnen aber sagen, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, es zu versuchen: Solange Sie noch die Macht haben. Solange Sie noch gemäß Fakten und Vernunft regieren können. Solange es im Verhältnis mit Ihnen, Ihrem Sohn und der Welt, in der Sie leben, nur um die Frage geht, ob er heute schon wieder ein Eis essen darf. Und nicht beispielsweise darum, um einigermaßen im Bild zu bleiben, ob Eis wirklich schmilzt, wenn es wärmer wird, oder ob das nicht letztlich auch Ansichtssache oder eine Frage des schieren Willens ist.

Der richtige Zeitpunkt ist: jetzt.

Meinetwegen heiligt in Ihrem Fall auch der Zweck die Mittel. Ziehen Sie Ihren Sohn, wenn es sein muss mit Gewalt, aber jedenfalls zügig und entschlossen an der Eisdiele vorbei. Bunt ist das Dasein und granatenstark. Schleppen Sie ihn dorthin, wo Sie all die schönen Dinge erleben können, die Sie mit ihm erleben wollen. Ein Wasserspielplatz, eine Fahrradtour, auch mal eine Pizza: Was auch immer die Alternative zum Eis sein mag.

Zeigen Sie sie ihm die Schönheit, die Vielfalt der Welt. Begeistern Sie ihn dafür. Wenn es sich bei Ihrem Sohn, wovon ich ausgehe, nicht um einen Trottel vom Kaliber desjenigen handelt, an den Sie gedacht haben mögen, als Sie das Wort „Atomköfferchen“ gelesen haben, bin ich mir sicher: Sie schaffen das.

(Machen Sie dabei aber auch kein Dogma daraus. Schon gar nicht sollten Sie Ihrem Kind jegliches Eis verwehren, denn, wie amerikanische Wissenschaftler in einer aktuellen Studie herausgefunden haben, gehört zu einer glücklichen Kindheit Eis unbedingt dazu. Zwar nicht jeden Tag und schon gar nicht unkontrolliert, aber immerhin doch in Mengen, die die von Ihrem Bauchgefühl vorgegebene um circa den Faktor zwei bis drei überschreiten.)