Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, VII

„Soll ich mein Kind am Platz der alten Synagoge im Denkmal baden lassen?“

Mein erster Impuls war es, Ihre Frage, weil sie nicht zum Thema dieser Kolumne passt, nicht zu beantworten, doch dann fiel mir ein, dass das Gegenteil stimmt. Doch bevor ich erkläre, was Kinder baden mit Kinder umbringen zu tun hat, muss ich erst einmal diejenigen unter meinen Lesern abholen, in deren Medienmix kein Freiburgteil enthalten ist.

Freiburger können den Teil in Klammern überspringen.

(Der Platz der alten Synagoge wurde im vergangenen Jahr nach jahrelangen Planungen eröffnet, während derer unter anderen die beiden zentralen Fragen gestellt wurde, ob sich, erstens, auf so einer großen, versiegelten Fläche nicht zu heiß werde und wie, zweitens mit dem Andenken an die Synagoge zu verfahren sei, die hier früher stand.

Die kurzen Antworten auf diese Fragen lauteten. Erstens: passt schon. Zweitens: mit einer Art Brunnen.

Nun ist der Platz da, auf den Steinplatten wird es ziemlich heiß und Kinder nutzen das brunnenartige Denkmal zum Abkühlen. Viele in der Stadt stellen sich nun die Frage, die auch unsere heutige Fragestellerin umtreibt: Sollen wir die Kinder auf den Überresten der von Nazis zerstörten Synagoge baden lassen oder nicht?

Eine Frage, die übrigens während der Planung des Platzes keine Rolle spielte. „Einen möglichen Konflikt zwischen Erinnerungsort und urbanem Leben haben wir nicht auf dem Schirm gehabt“, sagt einer, der dabei war. Glaube ich sofort. Hätte mir auch passieren können.)

Nun zum Grund, warum die Frage sehr gut in die Reihe passt. Zu den schönsten Spielplätzen Freiburgs gehört der nagelneu gemachte Hildaspielplatz im Stühlinger. Wer dort herumstromert, entdeckt vielleicht einen hübschen, auf einem Stein abgelegten Blumenstrauß. Zumindest stießen meine Kinder darauf und wissensdurstig wie sie sind, fragte sie natürlich nach, warum da so schöne Blumen lagen.

Also las ich ihnen die zugehörige Inschrift vor:

„Unter den 57 Opfern, die der irrtümliche Bombenangriff deutscher Flugzeuge auf Freiburg am 10. Mai 1940 forderte, waren 20 Kinder. 13 von ihnen starben auf diesem Spielplatz.“

„Spielplatz“ und „Flugzeug“ kennt jedes Kind, bis sie „Sterben“, „Bombenangriff“ und „irrtümlich“ begriffen, dauerte es aber ein andächtiges bisschen und als sie mit Nachdenken fertig waren, schauten die Kleinen schweigend in den Himmel, was zwar ganz einfach daran gelegen haben mag, dass sich, wie das bei Spielplätzen, die in Einflugschneisen liegen, eben so üblich ist, gerade ein brummendes Flugzeug näherte, mich aber trotzdem etwas näher an sie ranrücken ließ.

Wer in Freiburg mit Kindern und offenen Augen unterwegs ist, dem geht es wie jedem, der irgendwo in Deutschland mit Kindern unterwegs ist: Der Nationalsozialismus hat in jedem Stadtteil, in jeder Straße und auf jedem Platz Spuren hinterlassen. Darum darf angenommen werden, dass, wer auf dem Platz der alten Synagoge badet, nicht ganz unbedarft badet. Auch Kinder nicht.

Das ist wichtig zu wissen für den praktischen Teil, zu dem wir nun endlich kommen: Sollen Sie Ihr Kind dort baden lassen? Aus meiner Sicht gibt es hier vier denkbare Szenarien. Bei den ersten beiden spielt Ihr Kind die wichtigste Rolle, beim dritten komme ich und beim vierten Szenario kommt dann auch noch Joachim Löw ins Spiel.

Szenario eins: Ihr Kind weiß noch nichts von der Judenvernichtung und wenn Sie ihm jetzt davon erzählen, versteht es kein Wort. Empathie kann es auch noch nicht. In dem Fall lassen Sie Ihrem Kind seinen Spaß. Es wird den Ernst des Lebens noch früh genug kennenlernen. Lassen Sie es planschen.

Szenario zwei: Ihr Kind hat schon von der Judenvernichtung gehört und versteht etwas von den Gefühlen anderer Leute. In dem Fall erklären Sie Ihrem Kind, warum manche Leute es unangebracht finden, wenn in dem Denkmal gebadet wird. Erklären Sie ihm auch, dass andere Leute das anders sehen. Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Meinung mit und überlassen Sie die Entscheidung Ihrem Kind.

Szenario drei: Ihr Kind badet im Denkmal, Ihr Kind und Sie finden das in Ordnung, aber jemand anders nicht. Beharren Sie nicht darauf, Ihr Kind im Wasser zu lassen, aber erklären Sie, warum Sie sich so entschieden haben.

Szenario vier: Ihnen ist mit eins bis drei nicht geholfen, immer bleibt irgendwo ein komisches Gefühl. In diesem Fall empfehle ich den Gang nach nebenan zu den Fontänen oder in eins der umliegenden Cafés, zum Beispiel ins Sedan. Spendieren Sie Ihrem Kind ein Eis und widmen Sie sich einer Frage, die im Moment sicherlich auch sehr viele Leute umtreibt, die aber in der veröffentlichten Debatte kaum abgebildet wird: Ist es eigentlich ok, den Jogi Löw einfach so anzuquatschen und wenn ja, was soll ich denn dann sagen?