Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, VI

„Wir lieben die Natur und wollen so viel wie möglich draußen sein. Auch mit unseren Kindern. Darum gehen wir demnächst mit dem Schwarzwaldverein auf ein Familienwanderwochendende. Unsere Kinder wären eigentlich im idealen Alter, groß genug, um sich selbst fortzubewegen und haben noch keine eigenen Handys. Aber leider lassen sie sich im Moment überhaupt nicht mehr dazu motivieren, mit uns vor die Tür zu gehen, geschweige denn von Hütte zu Hütte zu wandern. Sollen wir das Wochenende lieber abblasen?“

Bevor Sie zur Ultima Ratio greifen und das Wochenende abblasen, können Sie sich folgende Frage stellen: Warum will ich überhaupt wandern? Wenn es Ihnen geht wie mir, beantworten Sie die Frage ohne nachzudenken. Meine Top drei Gründe wären die Luft, der Rücken, das z’Vieri.

Gründe, nicht rauszugehen, gibt es hingegen keine. Also eigentlich eine klare Sache, sollte man meinen. Trotzdem gehen die Kinder nicht raus: Wie kann das sein?

Am Können kann es nicht liegen. Zumindest ist das bei uns so. Meine Kinder können vieles besser als ihre Eltern. Zum Beispiel können sie viel länger auf der Schiffschaukel bleiben als ich. Und wenn wir endlich fertig sind, können sie sofort eine Wurst. Den Stand erreichen können sie in einer geraden Linie, wobei sie den Weg zur Wurst nicht gehen, sondern hopsen können, wie sie ohnehin jede Strecke hopsend und dabei ihre Ärmchen umherwerfend zurücklegen (was im Vergleich zum Sohn von Freunden noch harmlos ist, kann sich dieser doch prinzipiell nur Rollschuh fahrend und Rad schlagend fortbewegen (nicht Rollschuh fahrend oder Rad schlagend, nein, Rollschuh fahrend UND Rad schlagend)).

Da sollte man doch eigentlich erwarten, dass die so einen Spaziergang von Hütte zu Hütte auf Händen absolvieren oder auf Stelzen, dass sie Bockspringen üben oder ein Schubkarrenrennen veranstalten. Stattdessen stöhnen sie und geben Worte von sich, die man als Elter nie zu hören geglaubt hatte, die man einmal nur – nur ein einziges Mal! – auch nach dem Abendessen hören möchte: „Ich kann nicht mehr. Ich bin soooo müde.“

Wie kann das sein?

Meine Vermutung lautet: Es liegt an den Gründen. Was auch immer die Gründe sein mögen, die Sie in die Natur treiben, es sind die falschen oder besser gesagt, schon der ganze Ansatz, einen Grund zu haben, einen Grund haben zu müssen, ist falsch.

Wenn ich meine Kinder frage, warum sie so prima Schiffschaukel fahren oder hopsen können, sagen sie: „Weil.“ Woraufhin ich behaupte, „weil“ sei keine Antwort.

Aber was, wenn „weil“ doch eine Antwort ist? Was, wenn „weil“ sogar eine sehr gute Antwort ist?

Ich meine irgendwo etwas gelesen zu haben, das dazu passt. Dass fast alle Fragen weitere Fragen nach sich ziehen. Dass man immer weiter „Warum“ fragen kann und so nie an ein Ende kommt, außer bei einer überschaubaren Anzahl von Angelegenheiten. Die paar letzten Dinge sind so wichtig und essenziell, dass sie keinerlei Begründung erfordern. Wenn ich mich richtig erinnere, ist, wer an diese Fragen rührt, dem Sinn des Lebens auf der Spur.

Betrachten Sie Ihre Wanderung als solch eine Angelegenheit.

Was auch immer die Gründe sein mögen, die Sie in die Natur ziehen, versuchen Sie sie abzulegen. Nehmen Sie Ihr Familienwochenende als Unterfangen, das frei sein darf von oberflächlichen Zwecken. Versuchen Sie zu wandern, einfach nur um zu wandern. Ich könnte mir vorstellen, dass da der Schlüssel zu Ihrem Glück verborgen liegt:

„Warum müssen wir jetzt zu dieser doofen Hütte latschen?“
„Weil.“