Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, V

„Unserem Sohn (4) wurde heute von einer Freundin mitgeteilt, Gott schütze nur getaufte Kinder. Nun hat er uns gefragt, ob das stimme, warum er nicht getauft sei und ob wir das noch ändern könnten? Das ist aber nicht der Grund, weswegen ich Ihnen schreibe: Die Antworten auf seine Fragen  konnten meine Frau und ich unserem Sohn bereits selber geben. Wo wir jedoch uneins sind: Wie sollen wir mit der Freundin verfahren, die unserem Sohn so einen Quatsch in den Kopf setzt?“

Mit dem Glauben halte ich es ähnlich wie mit dem Essen von Fleisch, Reisen per Flugzeug und Globulin: Ich muss keine Meinung dazu haben. Ich muss nicht einmal darüber Bescheid wissen; aber sobald ich doch darüber nachdenke, kommen mir recht schnell recht viele und recht gute Gründe in die Quere, warum ich meine bequeme vielleicht doch zugunsten einer kritischen Haltung aufgeben sollte.

Ist die Ansage, die die Freundin Ihres Sohnes abgeliefert hat, so ein Grund?

Blaise Pascal, einer der wenigen mir namentlich bekannten Theologen, lebte im 17. Jahrhundert in Frankreich und war nicht nur Theologe, sondern auch Mathematiker. Was es ihm ermöglichte, die Sache mit dem Glauben von einer recht nüchternen Warte aus zu betrachten.

Pascal ging davon aus, dass sich Gottes Existenz nicht beweisen ließe. Ob sich der Glaube an Gott lohne, erfahre der Gläubige frühestens, wenn er gestorben sei: Gibt es Gott, wird der Gläubige belohnt – gibt es ihn nicht, hat er eben Pech gehabt. Wobei ein Gläubiger, der „Pech gehabt“ hat, durch seinen (nichtsnützigen) Glauben an Gott keinen Verlust erlitten habe, während einer, der „belohnt“ wird, einem riesigen Gewinn erziele.

Unter den vielen möglichen Gründen, warum Menschen an Gott glauben, ist das natürlich ein besonders schlichter. Mit dieser Argumentation könnte ich mir Herrn Pascal ohne Probleme dabei vorstellen, wie er sich am Samstag Nachmittag overdressed im Einkaufszentrum samt den positive Stimmungen verbreitenden Kreditkarten- und Gewinnspielverkäufern der Kundschaft in den Weg stellt. Aber stünde er da tatsächlich und würde mir eine Wette auf die Existenz Gottes vorschlagen, bei der ich gar nicht verlieren könnte: Mit welcher Argumentation würde ich ihn wohl stehenlassen?*

So betrachtet ist natürlich auch der Freundin Ihres Sohnes schwer beizukommen.

Allerdings geht es dieser Person ja, wie ich Ihrer Anfrage entnehme, überhaupt nicht um das Leben nach dem Tod, sondern um ihr Hier und Jetzt. Es geht ihr um Gottes Schutz in ihrem Alltag. Sie lebt in der Annahme, durch ihren Glauben an Gott eine sofort wirksame Besserstellung gegenüber Ihrem ungetauften Sohn zu erreichen.

So betrachtet ist das natürlich eine ganz andere Nummer: Schützt Gott getaufte Kinder und verwehrt er ungetauften Kindern seinen Schutz? Das müsste doch relativ schnell und unkompliziert herauszufinden sein. Mir jedenfalls fallen für alle auf dem Spielplatz bei uns um die Ecke aufgestellten Spielvorrichtungen wie Klettergerüst, Sandkasten, Schaukel oder Wasserpumpe ohne großes Nachdenken ausreichend Versuchsanordnungen ein, anhand derer sich die Annahme, gottesgläubige Kinder verfügten über einen besonderen Schutz, wenn ich das mal so flapsig formulieren darf, „falsifizieren“ ließe.

Aber ich schweife ab und das unnötig, denn abgesehen davon, dass das von Ihrem Erziehungsauftrag nicht abgedeckt wäre, müssen sie es gar nicht soweit treiben, der Freundin Ihres Sohnes die Leistungsfähigkeit ihres Glaubens zu demonstrieren. Lassen Sie das mal schön Gottes Sache sein.

Wie Sie überhaupt darüber nachdenken können, ob Sie mit der Person, die ihrem Sohn „diesen Quatsch“ in den Kopf gesetzt hat, überhaupt irgendwie „verfahren“ müssen.

Ich glaube: nein.

Ich glaube, Sie können es einfach gut sein lassen. Ich glaube, Sie können der Freundin Ihres Sohnes ihren Gott vielleicht sogar gönnen. Ich glaube, das täte Ihnen gut und wäre für Ihr Kind ein schönes Vorbild in Sachen Toleranz.

Aber das glaube ich eben nur – wissen tue ich es nicht.

*Ausgenommen Hexenverfolgung, Religionskriege und Kreuzfahrten, Kolonialismus, Kirchensteuer und Kindesmissbrauch und ähnliche irdische, menschengeschaffene Folgen – es geht nur um die Frage, ob Sie ganz persönlich aufs Paradies hoffen dürfen oder nicht.