Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, IV

„Ich erkenne meine Tochter nicht wieder. Sie ist gerade mal neun Jahre alt und führt sich auf wie ein Junkie. Sie ist nach Pananibildern süchtig, mit allem, was dazugehört: Sie hat neue Freunde, die ich nicht kennenlernen soll. Sie hat Augenringe und sie lügt. Mindestens einmal hat sie sich schon an meinem Geldbeutel bedient. Wenn ich mit ihr reden will, blockt sie ab und behauptet, nicht sie habe das Problem, sondern ich. Ich habe ihr jetzt den Geldhahn zugedreht und meinen Geldbeutel gut versteckt, aber trotzdem finde ich jeden Tag neue, leere Papiertütchen. Was kann ich tun, um diese komplett sinnfreie Abhängigkeit zu beenden?“

„Der Titel eines Buches, das ich vor einigen Jahren unbedingt haben musste, lautet: „A Narrative of Missionary Enterprises in the South Sea Islands with remarks upon the natural history of the islands, origin, languages, traditions, and usages of the inhabitants.“

Es war gebraucht für ungefähr 150 Euro zu haben, was, wie ich finde, ziemlich viel Geld für ein Buch ist, aber ich hatte keine Wahl. Ich brauchte es. Dringend. Also habe ich es gekauft.

Nun taugt meine damalige Lage nur bedingt zum Vergleich mit der aktuellen Lage Ihrer Tochter. Denn wenn die ihr Paninialbum voll bekommen will, muss sie deutlich mehr Geld aufbringen. Experten rechnen mit etwa 300 Euro. Bekommt Ihre Tochter die vom deutschen Jugendinstitut als monatliches Taschengeld für ihre Altersgruppe empfohlene Summe von 13 Euro, wäre ihre Sammlung in circa 23 Monaten vollständig. Also genau zum Anpfiff der auf die diesjährige WM folgenden EM.

Was muss das für ein Druck sein?

Ich versuche gerade mir vorzustellen, ich müsste in ein paar Wochen so viel Geld auftreiben, wie sonst in zwei Jahren reinkommt! Da hätte ich bestimmt auch Augenringe.

Wie ich mit so einer Situation umgehen würde, weiß ich nicht. Womöglich bliebe mir nichts anderes übrig, als um Hilfe zu bitten. Aber wen würde ich fragen? Ich bräuchte eine Person, von der ich sicher wüsste, dass sie mir nicht nur helfen will, sondern das auch kann. Eine gute Fee. Am besten eine, die nach Belieben druckfrische Scheinchen aus dem Automaten zaubern kann…

Angenommen es gäbe eine solche Fee und ich hätte auch noch das Riesenglück mit ihr unter einem Dach zu wohnen: Wie würde ich mich wohl fühlen, wenn nun ausgerechnet sie keinerlei Verständnis für meine Lage hätte? Wenn sie mich öffentlich einen Lügner nennen würde? Wenn sie, kaum dass ich eingeschlafen wäre, Arges wähnend in meinem Zimmer umherschliche? Wenn Sie mir nicht mehr Geld gäbe, sondern gar keines mehr?

So viel zur Position Ihrer Tochter.

Nun zu Ihrer. Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich ungefähr so argumentieren: Ich bin erstens keine Glücksfee, sondern Erziehungsbeauftragter, zweitens hat das Geld auf meinem Konto nichts mit Zauberei zu tun und selbst wenn, dann tauchen Paninibilder auf der lange Liste der Dinge, die ich für konsumierbar halte, drittens nicht auf, womit jegliche Unterstützung, die meine Tochter von mir in dieser Angelegenheit erwarten darf, darauf hinausläuft, sie von diesem Teufelszeug wegzubekommen – und damit wäre ich an genau der gleichen Stelle wie Sie jetzt, bloß dass ich dort wahrscheinlich etwas schneller gelandet wäre.

Daraufhin würde mir meine Tochter vielleicht vorwerfen, mal wieder nichts zu verstehen, woraufhin ich an durchschnittlichen Tagen behaupten würde, dass ich manche Sachen überhaupt nicht verstehen will.

Oder ihr, wenn ich gerade einen guten Tag habe, erlauben würde, um mein Verständnis zu werben. Mir das alles noch mal in Ruhe zu erklären. Mir darzulegen, warum sie überhaupt Bildchen sammeln muss.

Wie ist das bei Ihnen?

Wissen Sie, was Ihre Tochter dazu gebracht hat, Bildchen sammeln zu müssen? Hatte sie schon ausreichend Gelegenheit, Ihnen zu erklären, was sie da macht? Haben Sie ihr zugehört? Haben Sie sie verstanden? Können Sie ihre Gründe nachvollziehen? Könnten Sie die Motive Ihrer Tochter einem Dritten so gut darlegen, dass Ihre Tochter nichts hinzuzufügen oder richtigzustellen hätte?

Worauf ich hinauswill: Manchmal sind die Dinge nicht, wonach sie aussehen. Manchmal sind sie nur Repräsentanten für etwas ganz anderes. Manchmal geht es beim Sammeln wie bei vielen anderen Formen des Konsums nicht um das Ding an sich. Ist das bei Ihrer Tochter so? Wenn ja, was mag das sein? Ich weiß es nicht, aber was auch immer es ist: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie dafür mehr Interesse aufbringen, als für die Bilder an sich.

Fragen Sie sie doch noch mal. Die Paninis Ihrer Tochter schaffen sie mit so einem Gespräch zwar nicht aus der Welt, aber immerhin haben Sie sich dann mal wieder einigermaßen zivilisiert mit ihr unterhalten. Und vielleicht fällt es Ihnen danach auch wieder leichter, ihre Tochter wiederzuerkennen.

(Falls Sie sich fragen, warum ich damals unbedingt das Buch eines Missionars haben musste: Auch mir ging es dabei nicht um das Buch an sich. Ich wollte vielmehr mit Hilfe des Buchs den Nachweis führen, dass einer der Tänze, den die männlichen Einwohner Samoas an Festtagen aufführen, eine Weiterentwicklung des Schuhplattlers ist. Sie finden das exzentrisch? Ich auch. Aber so ist das eben mit unseren Leidenschaften: Wir suchen sie uns nicht aus, aber was wäre das Leben ohne sie?)“