Wie Sie es auch heute wieder schaffen, Ihr Kind nicht umzubringen, III

„Als ich meine Tochter heute aus dem Kindergarten abholte, kam sie mir mit einem bunten Pflaster auf dem Arm entgegengelaufen und erzählte gleich, was passiert war: Sie war von einer Zecke gebissen worden. So weit, so ärgerlich. Aber jetzt kommt’s erst! Als ich sie fragte, wer ihr die Zecke denn rausgeholt habe, sagte sie „niemand“. Das Miststück steckte nämlich noch drin. Können Sie sich das vorstellen?“

„Ganz spontan und unreflektiert würde ich mit „Nein“ antworten. Ich kann mir das nicht vorstellen. Aber ich bin ja, vor allem, wenn es um Zecken geht, auch nur einer dieser schnell in Besorgnis und damit in Empörung zu versetzenden Väter und nicht, sagen wir, das Robert-Koch-Institut.

Ich habe mich aber schlau gemacht und kann Ihnen daher für den medizinischen Teil Ihrer Erlebnisses auch eine etwas reflektiertere Antwort geben. Die lautet: Aus therapeutischer Sicht ist das Bedecken einer Zecke mittels Pflaster vergleichbar mit dem Verabreichen von Kügelchen („Ich nehme dein Problem zur Kenntnis, aber nicht ernst“); es zählt damit nicht zu den empfohlenen Maßnahmen.

Trotzdem ist Ihr Kind mit einer Zecke unter einem Pflaster im Kindergarten herumspaziert.

Wie kann das sein?

Diese Frage habe ich mir nicht nur selbst gestellt, sondern auch einigen ausgewählten Erzieherinnen und Erziehern sowie dem Internet und wieder einmal durfte ich feststellen, dass man wirklich nie auslernt: Es gibt tatsächlich Gründe dafür, Zecken nicht sofort nach Entdecken zu entfernen, sondern sie Ihrem Kind erst noch weiter das Blut aussaugen und dabei womöglich Borreliose- und/oder FSME-Erreger übertragen zu lassen.

Allerdings sind diese Gründe nicht medizinischer, sondern ängstlicher oder, wie man heutzutage sagt, rechtlicher Natur.

Nach allem, was ich darüber in Erfahrung bringen konnte, verläuft die Begründung in etwa so: Wenn eine Erzieherin beim Versuch, die Zecke aus Ihrem Kind zu entfernen, scheitert und beispielsweise der Kopf steckenbleibt, woraufhin sich die Wunde entzündet und womöglich weitere Komplikationen auftreten, könnte diese Erzieherin haftbar gemacht werden und um das zu vermeiden, weisen manche Träger ihr Personal an, die Zecke besser drin zu lassen.

Ja, so habe ich auch geschaut.

Und dann habe ich bei unserem Kindergarten nachgefragt. Und bei anderen Kindergärten. Und mich weiter durchs Internet gelesen. Und bin zu der Erkenntnis gelangt, dass die Frage, was bei einem Zeckenbiss zu tun ist, wie in Ihrem Fall, tatsächlich keineswegs immer auf die aus meiner Sicht einzig denkbare Antwort („Raus damit und zwar subito!“) hinausläuft – also müssen wir die Geschichte vom Pflaster auf der Zecke wohl glauben.

Es scheint nicht einmal besonders abwegig zu sein, in der Abwägung zwischen der Abwehr von Borreliose und FMSE bei den ihnen anvertrauten Kindern einerseits und der Abwehr möglicher Klagen durch Eltern andererseits, zu einem Ergebnis PRO erhöhtes Infektionsrisiko zu gelangen. So sind die Zeiten.

Natürlich gibt es auch Träger am anderen Ende des Spektrums. Die betrachten gerade das Nicht-Entfernen von Zecken als rechtlich Heikel, weil es aufgrund des damit einhergehenden erhöhten Risikos einer gesundheitlichen Schädigung auch als potenzielle Körperverletzung betrachtet werden kann.

So wird aus der einfachen Ansage „Zecke raus und zwar schnell“ ein komplexes Thema und am Ende stehen die Erzieher nicht nur mit Ihrem Kind und der verdammten Zecke im Wald, sondern auch noch mit einem Haufen ungeklärter Fragen. Vor diesem Hintergrund klingt „Da machen wir jetzt einfach mal ein Pflaster drauf!“ auf einmal überhaupt nicht mehr so absurd, wie ich anfangs dachte.

Und nun?

Ich will ein service-orientierter Erziehungsratgeber sein. Darum bekommen Sie von mir heute nicht nur eine Analyse Ihres Zeckenproblems, sondern auch eine (auf einem Infoblatt der Unfallkasse Baden-Württemberg) basierende Lösung: Lassen Sie die Erzieherinnen und Erzieher Ihres Kindes nicht mit der Verantwortung für den Zeckenbiss und alle möglichen Folgen allein. Nehmen Sie sie ihnen ab. Schreiben Sie auf, was richtig ist.

Klären Sie erstens: Dürfen die Erzieher die Zecke entfernen? Oder sollen sie lieber bei Ihnen anrufen, dass Sie Ihr Kind zum Arzt bringen oder die Sache selber regeln?

Erklären Sie zweitens: Dass Sie die Erzieherinnen und Erzieher nicht in Haftung nehmen, wenn beim (erwünschten) Entfernen einer Zecke etwas schief geht und es zu Komplikationen kommt.

So oder ähnlich werden wir es wohl bei uns im Kindergarten regeln – und unsere Erzieher bei der Gelegenheit auch einmal dafür loben, dass sie es überhaupt schaffen, mit so vielen Kindern an die frische Luft zu gehen.